Wie lange werde ich durchhalten?
Schock:
1 Woche vor dem Start bekam ich
Schmerzen im rechten Arm – Diagnose: Sehnscheidenentzündung – Folge: Arm
bandagiert, PECH (Pause-Eis-Compression-Hochlegen).
Jedwedes Training adé. Fraglich, ob in 1 Woche der Arm für den Wettkampf
tauglich sein wird.
Tilo: Als Andrea 7 Tage vor dem
Start mit Schiene vom Arzt kam war ich echt besorgt. Eine richtige
Sehnenscheidenentzündung dauert minimum 10 Tage bis halbes Jahr (bei
chronischem Verlauf). Chronisch war es jetzt nicht (die Ursache ist bis heute
unklar) aber in einer Woche jeden Tag mit Stöcken Höchstleistungen vollbringen?
Jetzt half nur eines, absolute Ruhigstellung. Ich war als Pfleger voll gefordert,
da Andrea ja überhaupt nicht still halten wollte, sondern trainieren. Der
letzte geplante Test (Saale-Horizontale) fiel somit auch ins Wasser. Danke an
Mario, der kurzfristig einsprang.
Dienstag, Ankunft in Garmisch-Partenkirchen. Der Arm war heute schmerzfrei.
Die Aufregung stieg. Abholung der Startunterlagen. 19 Uhr erstes gemeinsames
Abendessen und ausführliches Briefing.
Tilo: Die Salomon
4 Trails wurden veranstaltet von Plan B. Wie beim TransAlpinRun war alles
vorbildlich organisiert. Das ging bei der Ausschilderung im Ort los, Ausgabe
der Startunterlagen, Start- und Zielbereich, Pastaparty, Abholung von Taschen
aus den Unterkünften, Shuttle-Service, um nur einiges zu nennen.
Mittwoch,
6.07.2011,
1. Etappe: Garmisch-Partenkirchen – Ehrwald
36,2 km / 2.473 Höhenmeter im Aufstieg / 2.176 Höhenmeter im Abstieg
Startzeit: 10 Uhr
Ruhiger Start in den Tag. 8 Uhr Frühstück (ideale Zeit für mich). Tilo
ermahnte mich ausreichend zu essen. Das bedeutete mehr als sonst für mich
üblich.
Die Aufregung war unermesslich als wir in Richtung Start liefen. Ein sonniger,
warmer Tag – mir war kalt – ich zitterte vor Aufregung.
Beim Einchecken in den Startblock wurden die Rucksäcke genau kontrolliert.
Pflicht war die Mitnahme folgender Ausrüstung: lange Hose, langes Shirt,
Regenjacke, Handschuhe, Mütze, ein 1. Hilfe-Set, Ausweis, Geld, Trailbook,
Getränk/Verpflegung. Ich hatte alles dabei und konnte „Aufstellung“ nehmen.
Tilo erinnerte abermals: trinken und essen!!! Jaaaa, ich war genervt.
Dann endlich – der Startsong ertönte (Highway to hell) – Startschuss – los.
Bis zur ersten Verpflegung (nach 11 km) waren ca. 725 Höhenmeter hinauf und 326
Höhenmeter hinab zu bewältigen. Ich machte meine ersten echten Trail-Wettkampferfahrungen.
Je höher ich kam, desto schwindeliger wurde mir. Ich hatte keine Ahnung was das
war. Beim Abstieg erholte ich mich wieder. OK, dachte ich. Nicht verrückt
machen lassen. Sicher einfach nur die Aufregung.
Nach 18,5 km und 1.200 HM in den Beinen traf ich auf mein Betreuungsteam.
Gleich daneben ein Brunnen. Ich bog ab und nutzte das kühle Nass um den Kopf
abzukühlen. Jetzt begleitete Tilo mich auf den nächsten 5 km. Und nach ca. 1 km
ging es wieder bergan. Es dauerte nicht lange und mir wurde es wieder schwindelig
und schlecht. Tilo ermahnte abermals: trinken, trinken, trinken und essen. Trinken
ging, essen war brutal. Tilo redete auf mich ein. Er meinte es echt gut mit mir
– ich war einfach genervt und erklärte ihm, dass ich an einer Unterhaltung
nicht interessiert sei.
Endlich, nach 21 km die zweite Verpflegungsstelle. Tilo verabschiedete sich.
Vor mir lag der nächste Anstieg: 4 km und 500 Hm waren zu überwinden. Wieder
das mir nun schon bekannte Schwindelgefühl. Auf dem folgenden Bergab-Stück
verflog der Schwindel und der Magen meldete sich. Bei jedem Schritt schienen
die Magenwände in die Hände zu klatschen. Das Gefühl war mir aus einem anderen
Wettkampf bekannt. Damals hatte ich zu wenig gegessen. (Sollte Tilo Recht
behalten???)
An der 3. Verpflegungsstelle schaltete ich den Kopf ein und wählte ganz gezielt
aus, was ich an Essbarem hinunter bekam und füllte auch die Trinkblase nochmals
auf. Tilo stieß wieder zu mir und begleitete mich bis ins Ziel. Er ermunterte
mich immer wieder locker zu laufen und vor allem auch ein bissl schneller.
Dabei wollte ich am ersten Tag alles schön ruhig angehen lassen. Doch
schließlich packte es mich doch und ich fegte mit Spaß bergab. Es war ein
schöner Waldtrail.
Nach 7:17 h war ich im Ziel. Erste Etappe geschafft.
Nun folgte die Analyse. Warum ging es mir bergan soooo schlecht? Fazit: bei
den hohen Temperaturen hatte ich wohl doch viel zu wenig getrunken und nicht
ausreichend gegessen. Am nächsten Tag musste ich die Taktik der
Nahrungsaufnahme zwingend ändern. – Leicht gesagt, wenn kein Appetit da ist.
Ein weiterer Kritikpunkt von Tilo: mangelhafter, fast lustlos erscheinender
Stockeinsatz. Na der hat gut reden! „Wenn man am Limit kämpft, sieht das eben
so aus!“, begründete ich bockig. (Natürlich hatte er Recht.)
Kaum Zeit zum ausruhen. Schnell in der Unterkunft duschen, Wettkampfbekleidung
waschen und zum trocknen platzieren, Rucksack für den nächsten Tag vorbereiten
und auf zur Pastaparty, die 19 Uhr begann, mit den Siegerehrungen, Bildern des
Tages und Video des Tages, sowie Briefing für den nächsten Tag.
Die vermutlich schwerste Etappe stand bevor. Die Wettervorhersage kündigte für
Mittag Gewitter und Regengüsse an. Daher wurde der Start eine Stunde
vorverlegt.
Tilo: Andrea
- wie immer extrem aufgeregt (was ich diesmal sogar verstehen konnte). Ich
versuchte sie zu beruhigen so gut wie es ging. Als es 10 Uhr endlich losging
wäre ich am liebsten hinterhergelaufen. Die Strecke am ersten Tag war gut
geeignet, die Läufer zu treffen. Nach der Hälfte -in Hammersbach- freuten wir
uns auf Andrea. Leider war sie nicht so gut drauf (Schwindelgefühle und Magenprobleme).
Das kam mir bekannt vor. Da weder die absolute Höhe (1.700m), noch die
Streckenlänge (bis dahin 18km) das Problem sein konnten, blieb nur eine Lösung.
Es war extrem warm (ca. 25 Grad) und Andrea hatte zu wenig getrunken und gegessen.
Bis zur nächsten Verpflegung konnte ich mitlaufen (dort sammelte mich Alice mit
dem Auto wieder ein), diese Zeit nutzte ich, um mit Engelszungen auf Andrea
einzureden. Einerseits zum animieren von essen und trinken, andererseits um von
den Anstrengungen abzulenken. Komischerweise kam das gar nicht so gut an. Sonst
will sie immer reden ;-) Nach den 5km hatte sie es aber begriffen und versuchte
so gut wie es ging an der Verpflegung Kalorien zu bunkern. Mit ein wenig
Bauchschmerzen entließ ich sie auf den letzten Anstieg. An der letzten Verpflegungsstation
konnte ich wieder dazu stoßen und sie wieder animieren. Sie hatte sich wieder
erholt und lief den letzten Abschnitt des Tages relativ problemlos zu Ende.
Bilanz des Tages waren übrigens 2.600 verbrannte Kilokalorien, das macht 500 g
Nutella!
Donnerstag,
7.07.2011
2. Etappe: Ehrwald – Imst
43,2 km / 2.663 Höhenmeter im Aufstieg / 2.880 Höhenmeter im Abstieg
Startzeit: 7 Uhr
Ich hatte schlecht geschlafen – sicher die Aufregung. Der Wecker klingelt
4:40 Uhr – HILFE! Kurzer Check. Ja die Beine melden, dass sie angestrengt sind.
Nutzt nichts. Ich will mich damit nicht befassen. Heute ist schließlich erst
Tag 2. Da gilt kein jammern – ich hab das schließlich so gewollt.
Frühstück um 5 Uhr. Keine Uhrzeit für mich! Viiiiiiel zu zeitig!!!! Mit großer
Anstrengung würge ich mir ein Brötchen runter. Ich weiß wie wichtig das ist,
dennoch, ich habe einfach keinen Appetit.
Auf dem Weg zum Start habe ich zunächst keine Zeit für Nervosität. Ich bin voll
Konzentriert auf die Strecke und das geplante Essverhalten.
Im Startblock überkommt es mich dann doch. Leichtes frösteln, die Anspannung
steigt. Dann endlich der Startsong ertönt und es geht los.
Nach knapp 5 km erreichte ich die Ehrwalder Alm und hatte den ersten Anstieg
(538 Hm) bewältigt. Diesmal ohne Kreislaufprobleme, denn ich hatte die
ganze Zeit lang gegessen und getrunken - soweit mir das möglich war.
Nach 10,4 km die erste Verpflegungsstelle (Seebensee). Dann ein weiterer
Anstieg bis auf 2.263 m zur Günsteinscharte. Herrlicher Ausblick. Und jetzt
ging’s steil bergab durch Schotter und Geröll. Ein Läufer rutschte vergnügt vor
mir her und meinte, das wäre wie Abfahrtsski. Naja. Da hatte er wohl Recht, nur
machte es mir nicht so viel Spaß wie Ski fahren, denn hier würde ein Sturz
wesentlich schmerzhafter sein. Also: Körperspannung und Konzentration! Bis ich
mich auf 1.046 m hinab „gearbeitet“ hatte, hatte ich ein gefühltes halbes Kilo
Steinchen in den Schuhen. Die Entleerung erfolgte seeeeehr sorgsam, denn ich
wollte auf keine Fall Blasen an den Füßen riskieren. Und dann sah ich auch
schon Tilo, der mich wieder ein Stück begleitete und nicht mit guten
Ratschlägen sparte. An der Verpflegungsstelle (bei km 21,9) achtete er sehr
genau darauf, dass ich auch ordentlich Nahrung aufnahm und füllte mir die
Trinkblase auf.
Und schon ging es wieder bergan auf 1780 m zur Halmiger Alm. Ich war total
angenervt von Tilos Begleitung. Er hatte herrlich frische Beine und war der
Meinung ich könnte den Berg wie eine Gämse hinauf springen. Schließlich
erklärte ich ihm, dass ich auf seine Gesellschaft keinen weiteren Wert lege und
es hilfreich wäre, wenn er mich jetzt wieder allein weiter laufen ließe. So
kämpfte ich den Berg hoch und stellte fest, dass ich offensichtlich bei so
einem Wettkampf nicht Teamfähig bin.
Die Strecke wurde wieder angenehm hügelig. Die Sonne verschwand, es begann zu
nieseln und schließlich heftig zu regnen. Schnell die Regenjacke drüber. Wind
und Regen können in dieser Höhe schon echt unangenehm sein. Andererseits war
mir diese Abkühlung auch willkommen. Zu früh gefreut, es ging weiter bergan,
bis auf 2.200 m und dann war es endlich geschafft für heute – der letzte
Anstieg bewältigt. Zwischendurch dachte ich, das hört wohl nie auf.
Jetzt noch 11 km und ca. 1400 Hm bergab ins Ziel. Bei 1.467 m die letzte
Verpflegungsstelle. Die Sonne kam wieder raus, es wurde warm und ich trocknete.
So ca. 6 km vor dem Ziel erwartete Tilo mich, um mich wieder ins Ziel zu
begleiten (damit ich nicht bummle. J ).
Nach 9 Stunden war ich im Ziel. Ein tolles Gefühl.
Ab in die Unterkunft, das übliche Prozedere und heute mal etwas Zeit zu
relaxen, bevor die Pastaparty beginnt. Der Weg dorthin war ziemlich
beschwerlich. Die Beine meldeten Muskelkater. Leichtes bergab und Stufen waren
ein Graus. Ich war etwas beunruhigt, denn es standen noch 2 Etappen bevor.
Das Briefing versprach eine „entspannte“ 3. Etappe. „Nur“ 1x bergan und 1x
bergab.
Es begann zu regnen.
Tilo: Wegen
drohender Gewitter wurde der Start vorverlegt, was zeitiges aufstehen
bedeutete. Da am Tag vorher erst 10 Uhr gestartet wurde und demzufolge auch
alle Läufer relativ spät ins Ziel kamen, blieb wenig Zeit zur Regeneration. Auf
der heutigen Etappe konnten wir die Läufer einmal treffen. Von der Bundestraße
lief ich die nächsten 4 km mit Andrea bergauf und quasselte sie wieder voll.
Essen, trinken (es war wiederum sehr warm), die Stöcke auch nutzen, nicht nur
mitschleppen usw. Sie wirkte heute wesentlich entspannter als gestern und als
ich Richtung Auto umkehren musste, hatte ich ein gutes Gefühl. Vom Ziel aus
lief ich ihr entgegen und die letzten 6 km ging es dann zusammen bergab. Das hatten
wir ausführlich geübt und so hatte ich zu tun „dranzubleiben“, denn Andrea
hatte bis Imst gute Beine. Heute alles richtig gemacht.
Während sich Andrea heute und in der Gesamtwertung auf einem sehr guten 8.
Platz einsortierte, siegte bei den Masterfrauen Gabi Steigmeier und war somit
die Führende in der Gesamtwertung. Bei den Männern war Tom Owens (schottischer Meister
über 10km) nicht zu schlagen. Auf den zweiten Platz lief -wie schon am Tage zuvor-
der junge Deutsche Philipp Reiter.
Freitag, 8.07.2011,
3. Etappe: Imst – Landeck
31,1 km / 1.854 Höhenmeter im Aufstieg / 1.814 Höhenmeter im Abstieg
Startzeit: 8 Uhr
Heute wieder entspannter Tagesstart. Der Wecker klingelte erst 5:50 Uhr.
6:00 Uhr war Frühstück, dann begann das Dilemma. Die Beine schrien nach Pause
und der Darm entschied sich für Durchfall. Der Kopf begann die Konzentration
auf die Etappe zu lenken. Ich redete mir ein, dass es heute entspannt wird.
Irgendwie klappte es jedoch nicht, daran auch zu glauben.
Auf dem Weg zum Start nieselte es leicht. Heute wird’s also vermutlich pampig
werden.
Auf Grund der Schlechtwetter-Vorhersage gab es eine Streckenänderung. Wir
wurden knapp unter dem Gipfel entlang geführt. Das sparte knapp 200 Hm und verlängerte
den Kurs um 500 m.
Startschuss. Ich kam nur unter größter Anstrengung und Körperbeherrschung
in Tritt. So ziemlich jeder Muskel schrie auf. Die ersten 4 km waren fast
flach, so konnte ich mich an den Schmerz gewöhnen und auf den Anstieg „freuen“.
Bis zur ersten Verpflegung (bei km 9.1) lief es planmäßig. Jetzt waren es „nur“
noch ca. 10 km bergan und der Regen hörte langsam auf. Allerdings war es
sehr nebelig. Zeitweise echt schlechte Sichtverhältnisse. Dann sah ich durch
den Nebel ein Durchläufer-T-Shirt und glaubte zu halluzinieren. Sofort ging ich
meine bisherige Nahrungsaufnahme durch. Nööö, ich hatte nach Plan gegessen und
getrunken. Aaaaaah, das T-Shirt kam näher und ich erkannte Tilo. Welch Freude!!!!
Er wollte mich wieder bis zum Ziel begleiten – also ca. 11 km gemeinsam.
In leichtem bergauf und bergab ging es unterhalb der Glanderspitze einen schönen
schmalen Trail entlang. Ich hatte mein Tempo gefunden und war guter Dinge. Tilo
versprach, dass hinter der nächsten Kurve bereits die Verpflegungsstation zu
sehen sein wird. Freude kam auf. Doch nach der Kurve war nichts als Nebel zu
sehen. Ein weiterer km und noch keine Verpflegung in Sicht. Ich war vergnatzt.
Diese leeren Versprechungen! Ich forderte Tilo auf ab sofort den Mund zu
halten! Nichts ist tödlicher als leere Versprechungen!
Dann endlich – die Salomon-Fahnen wurden gesichtet. Noch einmal ausreichend
essen und trinken und dann knapp 9 km bergab ins Ziel. Der Kopf jubelte, die
Oberschenkel brüllten. Egal. Tilo hatte festgelegt, dass ich unter 6 h ins Ziel
kommen könnte. Also, Zähne zusammen und durch.
Noch 5 km, die erste Unaufmerksamkeit und ich rutschte den Abhang hinunter. Nur
ein kleines Stück und es war weicher Rasen. OK. Nichts passiert. Tilo ermahnte
mich zu absoluter Konzentration. Toll! Alles gleichzeitig: bergab im zügigen
Lauftempo, auf den Boden achten und die Zeit im Auge behalten. Ich fühlte mich
getrieben und leicht überfordert. Diese Zeitvorgabe nervte total. Noch 3 km –
ich schickte Tilo los ins Ziel. Ich musste mich auf mich selbst konzentrieren
und mein eigenes Tempo finden. Rums, da rutsche ich auf einem Felsstück ab und
glitt jäääh zu Boden. Ein heftiger Schmerz durchzog mein Gesäß, die Finger
brannten. Aufstehen, sammeln, Kontrolle: alles noch dran. Kleine Schürfwunden
an den Fingern – es konnte weiter gehen. Ich nahm den Laufschritt wieder auf
und legte fest, dass die Zeit vollkommen egal ist. Oberste Priorität hatte
jetzt das Thema Konzentration!
Naja, ganz ließ der Ehrgeiz mich nicht in Ruhe. Dann Zieleinlauf – juchuuuuuuuu
5:58 h. Ich konnte es kaum glauben und war überglücklich. Als 9. bei den Master
Women lief ich knapp hinter der 9. der Frauen ein. Beide gewannen wir ein paar
Kompressionssocken von SIGVARIS plus ein gemeinsames Foto mit Sven der „Stimme
der 4 Trails“, der unermüdlich jeden Tag die Läufer früh motiviert auf die
Strecke schickte und später herzlich im Ziel willkommen hieß. Ich war im
Freudentaumel.
Die Zielverpflegung genoss ich in vollen Zügen. Es gab u.a. leckere Pizza und
Alice organisierte mir einen starken leckeren Kaffee.
Bis zur Unterkunft wurde ich mit dem Auto gefahren. Ich schwebte schon auf
Wolke 7, dabei stand noch eine weitere Etappe bevor.
Nach der Dusche pflegte ich erst einmal meine kleinen Wunden und bat darum, mir
nicht zu sagen wie mein Hinterteil aussah. Ich wollte einfach daran glauben,
dass es nicht weiter schlimm sein konnte. Die Schürfwunden an den Fingern waren
nicht weiter schlimm. Ich hatte einfach keine Lust mich damit zu beschäftigen.
Ich entschloss mich den Weg zur Pastaparty zu Fuß zu gehen. So zum „ lockeren
auslaufen“. Naja, es wurde mehr ein gequältes dahin schleichen.
Noch immer voller Glückshormone holte ich heute bei der Pastaparty sogar
Nachschlag und folgte relativ entspannt dem Streckenbriefing für die morgige
letzte Etappe.
Tilo: Heute
der „Ruhetag“, nur 31km und 1.800Hm. Wir scherzten über diesen kurzen Sprint.
Wegen des drohenden Gewitters ab Mittag wurde die Strecke vom Gipfelkamm auf
einen Singletrail unterhalb des Kammes verlegt. Das war ganz gut so, das Gewitter
kam zwar nicht, aber immer wieder aufsteigende Wolken sorgten für eine
schlechte Sicht. Ich fuhr heute mit der Bahn in Richtung Streckenmitte und lief
zur Abwechslung bis zum Gipfel der Glandnerspitze. Von dort wieder bergab auf
die Strecke. Da sah ich kurz im Nebel die Verpflegungsstation und sie sah
relativ nah aus. Ich lief bis zu einem Punkt an welchem ich die Strecke
möglichst weit einsehen konnte und wartete auf die Läufer. Außer den ersten 5 Männern
erwischte ich diesmal alle und sie waren alle froh, meine Rassel im Nebel zu
hören (als Orientierungspunkt bei schlechter Sicht). Heute war der Plan mit
Andrea lange bergab bis ins Ziel zu laufen. Leider hatte ich mich im Nebel
gründlich verschätzt, was die Nähe der Verpflegung anging. Oh oh, ich musste
mir zu Recht einiges anhören. Scheinbar hatte Andrea heute viel Hunger. Von
dort ging es dann stetig bergab bis ins Ziel, herrliche Wege bis Landeck. 3 km
vor dem Ziel verabschiedete ich mich von Andrea, um vorzulaufen. Einerseits wegen
der Fotos, andererseits um Andrea auch virtuell bei Sven anzukündigen. Der
wusste mittlerweile, wenn ich komme ist Andrea nicht mehr weit und so eine
persönliche Begrüßung setzt noch mal unheimliche Kräfte frei. 05:58h - sag ich
doch, das geht unter 6h ;-)
Super Etappe von Andrea!
Samstag, 9.07.2011,
4. Etappe: Landeck – Samnaun
45,3 km / 2.909 Höhenmeter im Aufstieg / 2.885 Höhenmeter im Abstieg
Startzeit: 7 Uhr
Der Schlaf wurde immer wieder von meinen schmerzenden Beinen unterbrochen.
Zum Glück dauerte die Nacht nicht lang. 4:45 Uhr klingelte der Wecker. 5 Uhr
Frühstück. Ich hatte wieder Durchfall und leichte Schmerzen im Unterleib. Es
schien als hätte ich mir leicht die Blase erkältet. Das fehlte noch.
Der Rucksack fühlte sich heute an wie ein Sack Zement. Die Oberarme jaulten und
hatten keine Bock die Stöcke zu tragen, die Beine meldeten Dauerschmerz, der
Kopf versuchte sich durchzusetzen und gab den Befehl zur Freude auf die letzte
Etappe. Ich dachte darüber nach, im Notfall ja auch wandern zu können. Hoffte
jedoch im gleichen Gedankengang, dass dieser Notfall nicht eintreten wird.
Immerhin hatte ich gestern gelernt, dass sich die Beine trotz Aufschrei in den
Laufschritt bewegen lassen.
7 Uhr - es ging ein letztes Mal auf Strecke. Der Anstieg begann recht
„gemütlich“ zunächst auf breitem Weg. So konnte ich den Kopf nochmals
programmieren: Ich schaff das!
Nach ca. 5 km – Druck auf der Blase. Auch das noch. Wie soll ich mich mit den
Oberschenkeln frei hinhocken?????? Eine echte Tortour. Da kamen mir die
Schmerzen im darauf folgenden Laufschritt fast unscheinbar vor.
Ich bemühte mich um ein einigermaßen gleichmäßiges Tempo, einen optimalen
Stockeinsatz und fokussierte mich auf die erste Verpflegungsstelle.
Der Rucksack schien langsam den Rücken aufzuscheuern. Nicht angenehm, aber auch
nicht wichtig, denn es war ja heute die letzte Etappe. Das Getränk, was ich mir
heute gemixt hatte schmeckte fürchterlich. So nahm ich dankbar die Gelegenheit
jeder Wasserquelle unterwegs mit.
Nach knapp 3 h erreichte ich die erste Verpflegungsstelle in 2.432 m Höhe (nach
13 km und 1.645 Hm). Es wehte ein heftiger Wind, der sofort auskühlte und mir
auch gleich das Cap vom Kopf fegte. Ich wollte „gemütlich“ essen und trinken.
Funktionierte nicht. Sobald ich stehen blieb schienen die Waden zu krampfen.
Nein bitte nicht! Ich versuchte es mit „wegignorieren“ und einfach
weiterlaufen. Der Wind war nervig und außerdem bekam ich Ohrenschmerzen. Also,
Rucksack runter, Mütze raus. Herrlich. Die Stimmung besserte sich ein wenig.
Es ging wieder bergab, bis auf 1.965 m. Vorbei an der Kölner Hütte, wo einige
Zuschauer zum anfeuern bereit standen. Ich hoffte dort mein Betreuungsteam zu
treffen. Leider zerschlug sich diese Hoffnung (so zeitig hatten sie mich nicht
erwarten, sie kamen zu spät, wie sie mir im Ziel berichteten) und ich machte
mich etwas enttäuscht auf den nächsten Anstieg. Ein interessanter Trail durch
Matsch, über Holzroste, durch bzw. über Bäche, steinige Passagen und sumpfige
Wiesen. Ich passierte nach 5:21 h in 2.587 m Höhe die 2. Verpflegungsstelle.
Die Wadenkrämpfe waren wieder hinderlich. Jedoch war ich mit der Zeit recht
zufrieden.
Es ging weiter bergan bis auf eine Höhe von 2.787 m – die Ochsenscharte (der
höchste Punkt der gesamten Strecke). Dann ging’s schmerzlich bergab. Mehr oder
weniger quer Feldein über Wiesen, durch Pferde- und Kuhherden. Dass ich das
überleben könnte, hätte ich nicht gedacht! Ich erklärte jedem Tier, dass ich
ein harmloser Wanderer bin und ihm auf keinen Fall etwas tue. Ich bat flehend
mir doch bitte auch nichts zu tun.
Ich traf auf ein Rescue-Team, das mich freundlich begrüßte und mit Magnesium
versorgte. Die absolute Soforthilfe für meine verkrampften Waden. Durch meine
Durchläufermütze wurde ich sofort als Dresdnerin identifiziert und mit einem
lustigen Spruch auf die weitere Strecke verabschiedet: „Da könn’ se machen was
se wolln, nichts geht übern Dresdner Stolln.“. Mit diesem Vers im Kopf und fast
frischen Waden „hüpfte“ ich fast entspannt über die nächsten Blockfelder.
Ca. 3 km vor der letzten Verpflegungsstelle traf der Trail auf eine breite
Forststraße. So jetzt konnte ich mal meine eigenen guten Ratschläge, die ich
vor drei Jahren so cool den TransAlpinRunners gegeben hatte, in die Tat
umsetzen: Schöööööööööön locker bergab rollen lassen. „Locker rollen lassen“
mit den Beinen! Was mich damals wohl geritten hat. Ich verfasste in Gedanken
gleich ein paar Entschuldigungsmails.
Endlich erreichte ich die letzte Verpflegungsstelle (nach 7:38 h). Ich befand
mich gerade im Runners-High und stopfte Melonen und Orangen voll Freude in mich
hinein. Ein letztes Mal Wasser auffüllen, Käsestücken in die Hand und los.
Jetzt wollte ich es wissen! Knapp 9 km lagen vor mir. Wie wild rechnete ich
alle Geschwindigkeiten durch, um die mögliche Zielzeit zu ermitteln. Für diese
letzte Etappe hatte ich gehofft, nicht länger als 10 Stunden zu brauchen. Jetzt
schien es möglich unter 9 h das Ziel zu erreichen. Also, Schmerzen ausschalten
und laufen, laufen, laufen. Ich visualisierte schon mal den Zieleinlauf.
Der Weg ging leicht bergan, teils gerade und auf den letzten 3 km kamen dann
doch noch mal ein paar kleinere kurze Anstiege – der Hass. Da stand dann auch
mein Betreuungsteam und puschte mich ein letztes mal auf.
8.37 h – Zieleinlauf. Freudentränen. Unbeschreibliches Glücksgefühl. Für einige
Minuten spürte ich den Schmerz in den Beinen nicht, sondern fühlte, wie sich
die Glückshormone im Körper ausbreiteten.
Jetzt hatte ich echten Hunger. Abwechselnd aß ich Melone und Pizza und grinste
übers ganze Gesicht.
Im Erlebnisbad von Samnaun hatten Läufer freien Eintritt. Dort duschte ich
vergnügt und stellte fest, dass ich mir auf der letzten Etappe doch noch einen
Sonnenbrand geholt hatte.
Die Pastaparty fand auf der Bergstation „Alp Trida Sattel“ statt. Dort
erwartete uns ein traumhaftes Speisenangebot.
Tilo: Heute
stand die „Königsetappe“ auf dem Programm. Bei meinen beiden TransAlpin-Teilnahmen
war ich immer auf den letzten Etappen super drauf und das versuchte ich auch
Andrea zu vermitteln. Man brauchte nicht mehr an morgen zu denken und konnte es
genießen, aber auch laufen lassen. Das hatte beide Male super funktioniert. Andrea
wollte nur ankommen und machte einen auf langsam, das sollte sich rächen, aber
nur für mich. Beim ausgerechneten Schnitt lag ich jedenfalls voll daneben.
Heute stand als Höhepunkt das herrliche Streckenstück vom Fisser Joch bis zur
Kölner Hütte auf dem Programm. Blöd war nur, als ich 10:15 Uhr mit der Bahn auf
dem Fisser Joch ankam war Andrea schon 25 min durch. Ich biss mich gedanklich
in den Hintern und nahm die „Verfolgung“ auf. Alle Läufer, die ich auf den
nächsten Kilometern überholte, sowie alle Zuschauer wunderten sich über den „Verrückten“,
welcher wie von der Tarantel gestochen über den Trail rannte. An der Kölner Hütte
musste ich schließlich völlig erschöpft und entnervt aufgeben. 25 min Vorsprung
waren logischerweise viel zu viel. Ich schickte einen verzweifelten Gruß mit
der Rassel auf den Berg, welchen die Läufer hochkletterten. Die längste Etappe
und keiner der anfeuert, ich wäre als Läufer echt sauer gewesen.
Wir fuhren nach Samnaun, orientierten uns, beklatschten die einlaufenden
glücklichen Läufer und positionierten uns noch einmal an der Strecke. Andrea
kam viel zu zeitig und hatte ein super Tempo drauf (zweitbeste Zwischenzeit auf
dem letzten Abschnitt!). Nach 8:37 h konnte ich sie glücklich in die Arme
schließen!
DANKE an mein
Betreuungsteam, insbesondere an Tilo, der echt harte Arbeit leistete. Er hatte
es nicht immer leicht mit mir, während dieser 4 Tage.
DANKE auch für die vielen
motivierenden SMSn, insbesondere Danke an meine Mutti und Renate, die zu Hause
am Computer den ganzen Tag lang per Internet den 4Trail verfolgten.
DANKE an alle die mir die Daumen
gedrückt haben.
DANKE an Steffen und Ralf die mir im
Training tolle Bergstrecken raussuchten und mit mir gelaufen sind.
DANKE an Bernd, der mich aus dem
größten Tief vor dem Start rausholte und mir die Zuversicht buchstäblich in die
Beine meißelte.
Fazit: Für solch
einen Trail ist mehr nötig als „nur“ Ausdauer. Lange Läufe und Bergtraining
(nicht nur bergauf, vor allem auch bergab!) sind eben so wichtig wie
Mentaltraining. Eine gute Trittsicherheit und Orientierungsvermögen sind
notwendig. Je mehr Erfahrungen man bei Bergwettkämpfen sammeln konnte, desto
besser können mentale Tiefs überwunden werden. Ein Ganzkörpertraining ist
ausgesprochen hilfreich. Arme und Rückenmuskeln werden stark beansprucht.
Ebenfalls wichtig ist richtiges Schuhwerk. Mit Blasen an den Füßen wird alles
zur Qual.
Am Morgen der 3. Etappe bat ich Tilo inständig darum: „Sollte ich jemals
den Wunsch äußern, so etwas zu wiederholen, musst du mich unbedingt davon
abbringen! Das ist echt viiiiiel zu hart für mich!!!“
Ehrlich – heute (3 Tage nach Zieleinlauf) würde ich so etwas niemals sagen! J
Tilo: Auch
die 4 Trails haben gezeigt, dass für einen Etappenlauf mit solchen Dimensionen noch
einmal andere Regeln gelten als für einen „normalen“ Ultralauf. Das zeigten
wieder einmal die langen morgendlichen Schlangen am Zelt des Rescue- Teams,
andererseits die lange Liste der Ausfälle (unter anderem die Gesamtführende
Gabi Steigmeier). Wer erfolgreich finishen will braucht nicht nur gutes
Training vorher(bergab laufen trainieren!; Mit Stöcken und Rucksack laufen
ebenfalls), sondern auch ein Quäntchen Glück, und vor allem mentale
Willensstärke, um die unweigerlich auftauchenden „Tiefs“ zu überwinden. |