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Ich will es wissen: Laufen durch die Nacht - 100 km am Stück. (die
Idee entstand, da
wir keinen Startplatz beim Gebrüder-Grimm-Lauf bekommen haben)
Donnerstag, 11.06.2009
Ich bin nervös. Morgen ist
der große Tag. Am Dienstag habe ich mir noch ein toi, toi, toi in von den
Dresdner Durchläufern abgeholt. Ein Kollege, der selbst ständig seine
sportlichen Grenzen testet, hat mir (trotz eigener Geburtstagsparty) eine lange
Mail mit wichtigen Tipps und Hinweisen geschickt. ( www.physical-border.de ) Gestern hat
mir eine liebe Kollegin versprochen an mich zu denken und mir die Daumen zu
drücken. Mental bin ich also gut
versorgt. Heute fahren wir nach Würzburg, dort werden wir von Daniela und Tom
mit Kohlehydraten versorgt und bekommen ein schönes Nachtlager, damit wir
morgen ausgeruht und mit gefüllten Depots an den Start gehen können. Es ist 10 Uhr, wir sitzen im
Auto auf der Fahrt nach Würzburg. Gedanklich kontrolliere ich mein absolviertes
Training, in Vorbereitung auf diesen Lauf. Nicht ganz optimal, aber
entsprechend der Möglichkeiten das Beste draus gemacht. Ich freue mich auf
diese spannende Herausforderung und bin schon total hibbelig. Die Nervosität
erreicht langsam die Magengegend. Also beginne ich schon mal an meinem Bericht
zu schreiben. Wir diskutieren, ob es Sinn
macht, einen langen ausführlichen Bericht auf der Durchläuferseite zu
veröffentlichen oder ob nicht lieber kurze Laufbeschreibungen gelesen werden.
Bitte gebt doch dazu mal eure Meinung ab!
Freitag, 12.06.2009
Danke an Daniela und Tom für
die köstliche Bewirtung und super Betreuung! Nach ausgiebigem Frühstück
fahren wir ab. Gegen 12:30 Uhr erreichen wir Blaustein, den Start- und Zielort
in der Nähe von Ulm. Weit und breit kein
Hinweisschild zur Ulmer Laufnacht. Ich bin beunruhigt! Tilo bleibt wie immer total
entspannt und so entschließen wir uns, ein Mittagsschläfchen zu machen. 14:30 Uhr macht Tilo sich auf
den Weg zum nächsten Bäcker. Er kommt zurück mit zwei leckeren Kuchenstücken,
hat aber leider noch immer nichts gefunden, wo die Anmeldung stattfinden soll.
Nach gemütlichem Käffchen
beginnt die zähe Zeit des Wartens. Auf dem Parkplatz treffen mehr und mehr
Läufer ein, die ebenfalls suchend umherlaufen. Dann, gegen 17:00 Uhr kommt
Bewegung in die Turnhalle, Stände werden aufgebaut. OK, hier hat man die Ruhe
weg, hier ist also der Anmeldebereich. 18:00 Uhr geht’s los. Ich
habe meine Startunterlagen in der Hand und Tilo bekommt sein Begleitrad - T-Shirt. Naja, nichts
erwähnenswertes in der Tüte. Wir gehen zur Spätzle-Party - nicht so mein Fall,
bekomme allerdings vor Aufregung ohnehin kaum was runter. Dann lässt Tilo sich
noch seine Achillessehne tapen. Sieht aus wie ein Invalide, fühlt sich aber
damit prächtig. Mir ist alles Recht, Hauptsache es geht ihm gut. Ohne seine
Begleitung wäre der Lauf für mich nicht denkbar. DANKE ! Danach zurück zum Auto. Wir
treffen die Vorbereitungen zum Lauf und hängen dann noch bissl rum, bis 21:00
Uhr das Briefing stattfindet. Dort erfahren wir, dass die Radbegleiter bereits
15 min vor Start bis zur ersten Verpflegungsstelle (km 10) vorausfahren. Ich
werde gleich nervös. Darauf war ich nicht eingestellt, obgleich es total
logisch erscheint.
Der Countdown läuft
Nun vergeht die Zeit wie im
Flug. Und schon heißt es erstmal Abschied nehmen. 22:30 Uhr verabschiede ich
mich von Tilo. 22:50 Uhr - ich tipple im Stadion
auf der Stelle und rede mir ein, dass ich gut vorbereitet bin und das Rennen
ohnehin im Kopf entschieden wird. 23:00 Uhr - es sind noch
nicht alle Starter eingetroffen, der Start verschiebt sich um 5 min. Ich
konzentriere mich aufs Ballonglühen, was im Stadion veranstaltet wird. Und endlich
- wir zählen gemeinsam rückwärts - schalten die Stirnlampen ein - der
Startschuss fällt - Feuerwerksfontänen werden entzündet, die nacheinander die
Laufbahn erhellen und dann beginnt ein phantastisches Feuerwerk im Stadion. Ich
bekomme Gänsehaut und bin den Tränen nahe - total fasziniert und die
Aufregung/Anspannung tut ihr übriges. Wir verlassen das
Stadiongelände, umjubelt von vielen Sportbegeisterten am Rande, und starten in
die dunkle Nacht. Nach ca. 5 km stelle ich
fest, dass ich mir die Nacht sooooooooo dunkel nicht vorgestellt hatte. Ich
stelle mir vor, wie die Läufer bei km 10 eintreffen und alle laut den Namen
ihres Radbegleiters rufen, denn erkennen kann man nichts. - Das kann ja heiter
werden! Von den etwa 271 Einzelstartern hatten sich 120 Läufer einen
Fahrradbegleiter gemietet (wurde vom Veranstalter angeboten) oder selbst
mitgebracht. Die 10 km waren schnell
vergangen. Meine Sorge, Tilo nicht zu finden war natürlich total unbegründet,
er erspähte mich selbstverständlich sofort. Dann ging es zu zweit weiter.
Ich war noch total happy und erfreute mich am hier und jetzt. Hielt nicht wirklich lange
an. Nach 2h fand ich es total nervig, dass Tilo mit mir reden wollte und
überhaupt war mir jedes Geräusch viel zu laut! Ich hatte keine Lust zu reden
und irgendwie gelang es mir auch nicht Worte zu formen und mich zu
artikulieren. Also schwieg ich und sann darüber nach, ob das so normal ist. Es ging durch den Wald.
Nichts zu erkennen! Nur das Stückchen Weg, das man mit der Lampe ausleuchten
konnte. Obwohl Tilo dicht bei mir war gruselte es mich und ein Gefühl von
Einsamkeit überkam mich. Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren! Ist bestimmt
alles total normal - fühlt sich halt bloß bescheuert an! Irgendwann hatte ich
meine Sprache zurück und begann zu rechnen. Frank hatte gesagt, gegen 04:35 Uhr
geht die Sonne auf. Bis dahin sollte ich die Marathondistanz bewältigt haben
und am besten noch einige km mehr. Es erschien mir eine Ewigkeit und der Weg
unendlich. Gespräche mussten her - ich
brauchte Abwechslung! Und fast unglaublich, aber total realistisch, standen
doch tatsächlich einige Gruppen in der Nacht am Straßenrand um uns zuzujubeln.
Herrlich! Dann endlich, die
Morgendämmerung begann. Wie sehr hatte ich auf diesen Moment gewartet und
konnte ihn doch nicht wirklich genießen. Die Nacht hatte an mir gezehrt und ich
fand, dass ich zu langsam bin/war. Endlich es war richtig hell,
50 km lagen hinter mir - Halbzeit. Nur wollte sich kein Freudengefühl
einstellen. Ich fiel in mein erstes Tief und kam nur noch schleppend voran.
Müdigkeit machte sich breit. Ich taumelte vor mich hin und versuchte krampfhaft
die Augen offen zu halten. Keine Chance, ich entging nur knapp einem Sturz ins
kühle Nass der Donau. Jede Bank schien mich anzuflehen, mich bei ihr
auszuruhen. Mir war schlecht, ich fühlte mich elend und wollte nur noch eins:
schlafen. Das führte dazu, dass ich für
5 km 50 min vertrödelte. - Kurz entschlossen stoppte ich, forderte Tilo auf mich
genau 1 min auf der Bank liegen zu lassen - und schon lag ich und genoss jede
Sekunde. Als Tilo “jetzt” sagte, sprang ich hoch und lief weiter. Tatsächlich,
dass hatte geholfen, die nächsten 5 km schaffte ich wieder in 35 min. Also nur
den Mut nicht verlieren! Bei km 70 überholte mich eine
ältere Dame mit Musik in den Ohren und mitsingend. Ich war fassungslos! Was für
ein Weichei bin ich eigentlich? Also hieß das Kommando: Andrea reiß dich
zusammen!!! Eine Bahnschranke stoppte uns
unfreiwillig und ließ uns für ca. 2 min verschnaufen. Ich sah das entspannt,
während die anderen nervös auf ihre Uhren schauten. Dann erneut ein Anstieg (von
mal zu mal erschienen sie mir steiler) der schließlich durch den Friedhof
führte. Na so was hatte ich auch noch nicht erlebt! Danach gleich eine
Verpflegungsstelle. Ich aß ausgiebig und Tilo nutzte die Zeit zum umziehen;
langsam wurde es wärmer. Km 80 - die letzte
Ausstiegsmöglichkeit. Zwar hatte ich einige Probleme mit dem Magen-/Darmtrakt,
aber Entleerung erleichtert ja bekanntlich auch, und auch mit der
Nahrungsaufnahme klappte es nicht so richtig. Selbst meine heiß geliebte
Schokolade wollte einfach nicht rutschen. Ich war fassungslos! Jedoch die
Muskulatur war OK, also: weiter. Bei km 85 machten sich erste
Muskelschmerzen bemerkbar. Viel schlimmer waren zu dieser Zeit allerdings die
Schmerzen in den Zehen (sind die Schuhe etwa doch zu kurz?????). Egal, bald
kommt das km 90 Schild und danach ist jeder km ausgeschildert. Darauf freute
ich mich. Langsam lief ich auf die
vorderen Läufer auf, Dann, der große Moment: das km 90 Schild. Ich war total
erfreut und spürte zugleich, dass die Muskeln vermehrt Schmerzsignale sendeten
und einen flüssigen Laufschritt erschwerten. Nun hieß es, den Kopf einschalten
und routinemäßig das Laufen abspulen. Als ich km 94/95 in passablen
5:45 min schaffte (immerhin lief ich nicht auf gerader Strecke, sondern hoch
und runter), war ich total motiviert. Außerdem “kassierte“ ich einige Läufer
ein. Die kommenden und zugleich letzten 5 km lief ich in Bestzeit dieses
Laufes. Den letzten der 100 km absolvierte ich in 4:54 min und überschritt
überglücklich die Ziellinie.
Hurra - ich habe es
geschafft. Nicht zu beschreiben wie sich das anfühlte. Jubel, Jubel juché!
Tilo - mein treuer
Radbegleiter, musste 11 h 52 min auf dem Rad aushalten (dabei wäre er lieber
selbst mitgelaufen!!!!) - Wahnsinnsleistung! Ein bloßes DANKE ist einfach zu
wenig. Das lässt sich wohl nur mit einem Wort begründen: LIEBE! Ich bin so froh, dass ich ihn
an meiner Seite habe, mit den selben Lauffreuden.
DANKE all denen, die an mich
gedacht haben, mir die Daumen gedrückt haben und uns sogar unterwegs
telefonisch kontaktiert und aufgemuntert hatten!!!!
Meine große Ehrfurcht gilt
den etwa 200 Helfern an der Strecke. Ebenfalls eine starke Leistung.
Und allen die diesen Bericht
gelesen haben wünsche ich viel Spaß mit dem Bericht von Tilo - der in Kürze
folgt. Er hat mehr von der Landschaft bemerkt und kann euch das Streckenprofil
beschreiben. …..
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