1. Ulmer Laufnacht

   
Datum:  12.06.2009 Strecke:  100km
Ort:  Blaustein bei Ulm weitere Strecken:  50km, 2-er und 4-er Staffeln
Internetadresse:  http://www.ulmer-100km.de/    

Art des Laufes:  Ultralauf  

Besonderheiten/ Kommentare:

Anspruch:  sehr hoch  

 erste Austragung

 

Stimmung:  super
Organisation:  sehr gut
Verpflegung:  gut
Startgeld:  gestaffelt 40 € bis 60 € je nach Anmeldedatum
Wetter:  trocken, windstill, nachts ab 8 Grad bis tags (mittag) 25 Grad

Ein Bericht von Andrea Heschel   

Ich will es wissen:     Laufen durch die Nacht - 100 km am Stück.
(die Idee entstand, da wir keinen Startplatz beim Gebrüder-Grimm-Lauf bekommen haben)

Donnerstag, 11.06.2009

Ich bin nervös. Morgen ist der große Tag. Am Dienstag habe ich mir noch ein toi, toi, toi in von den Dresdner Durchläufern abgeholt. Ein Kollege, der selbst ständig seine sportlichen Grenzen testet, hat mir (trotz eigener Geburtstagsparty) eine lange Mail mit wichtigen Tipps und Hinweisen geschickt. ( www.physical-border.de ) Gestern hat mir eine liebe Kollegin versprochen an mich zu denken und mir die Daumen zu drücken.
Mental bin ich also gut versorgt. Heute fahren wir nach Würzburg, dort werden wir von Daniela und Tom mit Kohlehydraten versorgt und bekommen ein schönes Nachtlager, damit wir morgen ausgeruht und mit gefüllten Depots an den Start gehen können.
Es ist 10 Uhr, wir sitzen im Auto auf der Fahrt nach Würzburg. Gedanklich kontrolliere ich mein absolviertes Training, in Vorbereitung auf diesen Lauf. Nicht ganz optimal, aber entsprechend der Möglichkeiten das Beste draus gemacht. Ich freue mich auf diese spannende Herausforderung und bin schon total hibbelig. Die Nervosität erreicht langsam die Magengegend. Also beginne ich schon mal an meinem Bericht zu schreiben.
Wir diskutieren, ob es Sinn macht, einen langen ausführlichen Bericht auf der Durchläuferseite zu veröffentlichen oder ob nicht lieber kurze Laufbeschreibungen gelesen werden. Bitte gebt doch dazu mal eure Meinung ab!

Freitag, 12.06.2009

Danke an Daniela und Tom für die köstliche Bewirtung und super Betreuung!
Nach ausgiebigem Frühstück fahren wir ab. Gegen 12:30 Uhr erreichen wir Blaustein, den Start- und Zielort in der Nähe von Ulm. Weit und breit kein Hinweisschild zur Ulmer Laufnacht. Ich bin beunruhigt! Tilo bleibt wie immer total entspannt und so entschließen wir uns, ein Mittagsschläfchen zu machen. 14:30 Uhr macht Tilo sich auf den Weg zum nächsten Bäcker. Er kommt zurück mit zwei leckeren Kuchenstücken, hat aber leider noch immer nichts gefunden, wo die Anmeldung stattfinden soll. Nach gemütlichem Käffchen beginnt die zähe Zeit des Wartens. Auf dem Parkplatz treffen mehr und mehr Läufer ein, die ebenfalls suchend umherlaufen.
Dann, gegen 17:00 Uhr kommt Bewegung in die Turnhalle, Stände werden aufgebaut. OK, hier hat man die Ruhe weg, hier ist also der Anmeldebereich.
18:00 Uhr geht’s los. Ich habe meine Startunterlagen in der Hand und Tilo bekommt sein Begleitrad - T-Shirt. Naja, nichts erwähnenswertes in der Tüte. Wir gehen zur Spätzle-Party - nicht so mein Fall, bekomme allerdings vor Aufregung ohnehin kaum was runter. Dann lässt Tilo sich noch seine Achillessehne tapen. Sieht aus wie ein Invalide, fühlt sich aber damit prächtig. Mir ist alles Recht, Hauptsache es geht ihm gut. Ohne seine Begleitung wäre der Lauf für mich nicht denkbar. DANKE !
Danach zurück zum Auto. Wir treffen die Vorbereitungen zum Lauf und hängen dann noch bissl rum, bis 21:00 Uhr das Briefing stattfindet. Dort erfahren wir, dass die Radbegleiter bereits 15 min vor Start bis zur ersten Verpflegungsstelle (km 10) vorausfahren. Ich werde gleich nervös. Darauf war ich nicht eingestellt, obgleich es total logisch erscheint.

Der Countdown läuft

Nun vergeht die Zeit wie im Flug. Und schon heißt es erstmal Abschied nehmen.
22:30 Uhr verabschiede ich mich von Tilo.
22:50 Uhr - ich tipple im Stadion auf der Stelle und rede mir ein, dass ich gut vorbereitet bin und das Rennen ohnehin im Kopf entschieden wird.
23:00 Uhr - es sind noch nicht alle Starter eingetroffen, der Start verschiebt sich um 5 min. Ich konzentriere mich aufs Ballonglühen, was im Stadion veranstaltet wird. Und endlich - wir zählen gemeinsam rückwärts - schalten die Stirnlampen ein - der Startschuss fällt - Feuerwerksfontänen werden entzündet, die nacheinander die Laufbahn erhellen und dann beginnt ein phantastisches Feuerwerk im Stadion. Ich bekomme Gänsehaut und bin den Tränen nahe - total fasziniert und die Aufregung/Anspannung tut ihr übriges.
Wir verlassen das Stadiongelände, umjubelt von vielen Sportbegeisterten am Rande, und starten in die dunkle Nacht.
Nach ca. 5 km stelle ich fest, dass ich mir die Nacht sooooooooo dunkel nicht vorgestellt hatte. Ich stelle mir vor, wie die Läufer bei km 10 eintreffen und alle laut den Namen ihres Radbegleiters rufen, denn erkennen kann man nichts. - Das kann ja heiter werden! Von den etwa 271 Einzelstartern hatten sich 120 Läufer einen Fahrradbegleiter gemietet (wurde vom Veranstalter angeboten) oder selbst mitgebracht.
Die 10 km waren schnell vergangen. Meine Sorge, Tilo nicht zu finden war natürlich total unbegründet, er erspähte mich selbstverständlich sofort.

Dann ging es zu zweit weiter. Ich war noch total happy und erfreute mich am hier und jetzt.
Hielt nicht wirklich lange an. Nach 2h fand ich es total nervig, dass Tilo mit mir reden wollte und überhaupt war mir jedes Geräusch viel zu laut! Ich hatte keine Lust zu reden und irgendwie gelang es mir auch nicht Worte zu formen und mich zu artikulieren. Also schwieg ich und sann darüber nach, ob das so normal ist.
Es ging durch den Wald. Nichts zu erkennen! Nur das Stückchen Weg, das man mit der Lampe ausleuchten konnte. Obwohl Tilo dicht bei mir war gruselte es mich und ein Gefühl von Einsamkeit überkam mich. Jetzt bloß nicht die Fassung verlieren! Ist bestimmt alles total normal - fühlt sich halt bloß bescheuert an! Irgendwann hatte ich meine Sprache zurück und begann zu rechnen. Frank hatte gesagt, gegen 04:35 Uhr geht die Sonne auf. Bis dahin sollte ich die Marathondistanz bewältigt haben und am besten noch einige km mehr. Es erschien mir eine Ewigkeit und der Weg unendlich. Gespräche mussten her - ich brauchte Abwechslung! Und fast unglaublich, aber total realistisch, standen doch tatsächlich einige Gruppen in der Nacht am Straßenrand um uns zuzujubeln. Herrlich!
Dann endlich, die Morgendämmerung begann. Wie sehr hatte ich auf diesen Moment gewartet und konnte ihn doch nicht wirklich genießen. Die Nacht hatte an mir gezehrt und ich fand, dass ich zu langsam bin/war.
Endlich es war richtig hell, 50 km lagen hinter mir - Halbzeit. Nur wollte sich kein Freudengefühl einstellen. Ich fiel in mein erstes Tief und kam nur noch schleppend voran. Müdigkeit machte sich breit. Ich taumelte vor mich hin und versuchte krampfhaft die Augen offen zu halten. Keine Chance, ich entging nur knapp einem Sturz ins kühle Nass der Donau. Jede Bank schien mich anzuflehen, mich bei ihr auszuruhen. Mir war schlecht, ich fühlte mich elend und wollte nur noch eins: schlafen.
Das führte dazu, dass ich für 5 km 50 min vertrödelte. - Kurz entschlossen stoppte ich, forderte Tilo auf mich genau 1 min auf der Bank liegen zu lassen - und schon lag ich und genoss jede Sekunde. Als Tilo “jetzt” sagte, sprang ich hoch und lief weiter. Tatsächlich, dass hatte geholfen, die nächsten 5 km schaffte ich wieder in 35 min. Also nur den Mut nicht verlieren!
Bei km 70 überholte mich eine ältere Dame mit Musik in den Ohren und mitsingend. Ich war fassungslos! Was für ein Weichei bin ich eigentlich? Also hieß das Kommando: Andrea reiß dich zusammen!!! Eine Bahnschranke stoppte uns unfreiwillig und ließ uns für ca. 2 min verschnaufen. Ich sah das entspannt, während die anderen nervös auf ihre Uhren schauten. Dann erneut ein Anstieg (von mal zu mal erschienen sie mir steiler) der schließlich durch den Friedhof führte. Na so was hatte ich auch noch nicht erlebt! Danach gleich eine Verpflegungsstelle. Ich aß ausgiebig und Tilo nutzte die Zeit zum umziehen; langsam wurde es wärmer.
Km 80 - die letzte Ausstiegsmöglichkeit. Zwar hatte ich einige Probleme mit dem Magen-/Darmtrakt, aber Entleerung erleichtert ja bekanntlich auch, und auch mit der Nahrungsaufnahme klappte es nicht so richtig. Selbst meine heiß geliebte Schokolade wollte einfach nicht rutschen. Ich war fassungslos! Jedoch die Muskulatur war OK, also: weiter. Bei km 85 machten sich erste Muskelschmerzen bemerkbar. Viel schlimmer waren zu dieser Zeit allerdings die Schmerzen in den Zehen (sind die Schuhe etwa doch zu kurz?????). Egal, bald kommt das km 90 Schild und danach ist jeder km ausgeschildert. Darauf freute ich mich.
Langsam lief ich auf die vorderen Läufer auf, Dann, der große Moment: das km 90 Schild. Ich war total erfreut und spürte zugleich, dass die Muskeln vermehrt Schmerzsignale sendeten und einen flüssigen Laufschritt erschwerten. Nun hieß es, den Kopf einschalten und routinemäßig das Laufen abspulen.
Als ich km 94/95 in passablen 5:45 min schaffte (immerhin lief ich nicht auf gerader Strecke, sondern hoch und runter), war ich total motiviert. Außerdem “kassierte“ ich einige Läufer ein. Die kommenden und zugleich letzten 5 km lief ich in Bestzeit dieses Laufes. Den letzten der 100 km absolvierte ich in 4:54 min und überschritt überglücklich die Ziellinie.

Hurra - ich habe es geschafft. Nicht zu beschreiben wie sich das anfühlte. Jubel, Jubel juché!

Tilo - mein treuer Radbegleiter, musste 11 h 52 min auf dem Rad aushalten (dabei wäre er lieber selbst mitgelaufen!!!!) - Wahnsinnsleistung! Ein bloßes DANKE ist einfach zu wenig. Das lässt sich wohl nur mit einem Wort begründen: LIEBE! Ich bin so froh, dass ich ihn an meiner Seite habe, mit den selben Lauffreuden.

DANKE all denen, die an mich gedacht haben, mir die Daumen gedrückt haben und uns sogar unterwegs telefonisch kontaktiert und aufgemuntert hatten!!!!

Meine große Ehrfurcht gilt den etwa 200 Helfern an der Strecke. Ebenfalls eine starke Leistung.

Und allen die diesen Bericht gelesen haben wünsche ich viel Spaß mit dem Bericht von Tilo - der in Kürze folgt. Er hat mehr von der Landschaft bemerkt und kann euch das Streckenprofil beschreiben. …..

 


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