Brockenchallenge 2009

   
Datum:  07.02.2009 Strecke:  80 km 1.900 Hm
Ort:  von Göttingen bis zum Gipfel des Brocken weitere Strecken:  keine
Internetadresse:  http://www.brocken-challenge.de    

Art des Laufes:  Ultracrosslauf  

Besonderheiten/ Kommentare:

Anspruch:  sehr hoch  

Veranstalter/Organisator:       Ausdauersport für Menschlichkeit e. V.

Gelaufen wird zu Gunsten:    Hospiz an der Lutter
                                                    Come Together g. e. V.

Stimmung:  sehr familiär
Organisation:  sehr gut
Verpflegung:  gut
Startgeld:  25 € (werden zu 100% an gemeinnützige Organisationen weitergeleitet)
Wetter:  von 0 Grad, bedeckt, windstill (Start) bis Schneeregen und starker Wind (Brocken) alles vorhanden

Ein Bericht von Andrea und Tilo Heschel   

 Brocken-Challenge 2009 (Bericht Andrea)
Erlebnis- und Wohltätigkeitslauf

Motto:  Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet. (Johann Wolfgang von Goethe)

Begleitet wurde der Lauf von einem Kamerateam des NDR.

Unser Begleitteam: Tochter Alice, Oma Sabine

Das erste Treffen aller Läufer fand am Vorabend statt. Kurze Vorstellung aller Organisatoren, Helfer und Vertreter des Hospiz und des Come Together g.e.V. Danach Streckeneinweisung und Info zur Wettervorhersage (ca. 1 °C, Nebel, Regen/Schnee). Abschließend noch einige organisatorische Hinweise und Abgabe des Gepäcks für die Ankunft auf dem Brockengipfel.

Samstag, 04:30 Uhr, der Wecker klingelt. Oh nein – viel zu früh! 5 Liter Tee wurden gekocht und in die Trinkblasen gefüllt. Diese wurden in Thermobags gehüllt. So bestand die Chance, einige Zeit des Laufens warmen Tee zur Verfügung zu haben.
Die Herberge, in der wir übernachteten, hatte uns Lunchpakete gepackt. Naja, um diese Zeit ist Nahrungsaufnahme für mich fast unmöglich. Unter Aufsicht und größter Anstrengung würgte ich mir eine Butterschnitte hinter und trank ein paar Schluck Kaffee.
05:35 Uhr fuhr Alice uns zum Start (Göttingen/Hainholzhof Kehr). Dort mussten wir uns nochmals melden und mit unserer Startnummer registrieren lassen, damit klar war, wie viele Läufer an den Start gingen. (Laut Ergebnisliste sind von 120 gemeldeten Teilnehmern 102 an den Start gegangen.)
Ich war erstaunlich ruhig. Vermutlich war ich zu dieser Zeit, Dunkelheit und Kälte noch nicht zu umfassenden Denkprozessen -die z. B. Aufregung erzeugen können- in der Lage.
Dann pünktlich 06:00 Uhr – Stirnlampen an – es ging los.
Konzentriert, alle Muskeln angespannt, schlitterten wir mit gedämpfter Geschwindigkeit über Eiswege. Die Dunkelheit machte es besonders beschwerlich. Beim Ausbalancieren war immer Ganzkörpereinsatz gefragt. Besonders schwierig wurde es, als es einen Serpentinenweg bergab ging. So wurden schon frühzeitig Energiereserven angezapft.
Dann endlich Morgendämmerung. Wir kamen durch einen kleinen Ort. Immer schön an der Hauswand entlang, auch nicht gerade eine entspannte Laufhandlung, aber wenigstens nicht glatt unter den Füßen. Wir erreichten die erste Verpflegungsstelle – Landolfshausen (bei km 10, nach 1h 13 min). U. a. gab es Riesendominosteine. Lecker!
Nach knapp 2 Stunden war es vollständig hell, jedoch immer noch glatt. Ich freute mich über jedes Ministückchen Weg, das nicht mit Glatteis überzogen war.
Dann wieder Feldwege mit Nebelbänken. Und schon erreichten wir die zweite Verpflegungsstelle – Seeburg (bei km 15, nach 1h 58 min). Dort wurden Energiebällchen angepriesen. Nur nichts unversucht lassen! Überall biss‘l genascht und schon ging’s weiter.
Nach 3h 35 min Rutschpartie und kurzen Laufmöglichkeiten hörten wir aus der Ferne das ersehnte Rasseln und kurz darauf sahen wir unsren Fanclub Alice und Oma Sabine. Das hieß zugleich, die nächste Verpflegungsstelle (Rhumequelle – km 30) war ganz in der Nähe. Wie schön!
Es ging weitere 12 km bis zur nächsten Verpflegungsstelle (Dreymannsmühle – km 42) über vereiste Wege. Hört das denn nie auf? Nein, es hörte nicht auf, denn es war kalt und keine Sonne zu sehn, die das Eis hätte tauen lassen können. Diese 12 km kamen uns unendlich vor. Ich entwickelte einen regelrechten Hass auf jede glatte Passage.
Auch bei km 42 (nach 5h 10 min) wurden wir herzlich von unserem Betreuerteam empfangen. Wir hatten ein kleines moralisches Tief. Die Schlitterei hatte an den Kräften gezehrt und irgendwie fühlten wir uns ziemlich erschöpft. Tilo brubbelte:“Ich kann nicht mehr.“ (Dabei hatte er noch ein ordentliches Tempo vorgelegt!) Mir ging’s echt bescheiden, was mich echt beunruhigte, denn wir hatten erst die Hälfte der Strecke geschafft.
Es folgte der „ENTSAFTER“. Dreymannsmühle (km 42) bis Lausebuche (km 64).
Endlich – wir kamen durch ein Waldstück, in dem gerade Rodearbeiten in vollem Gange waren. Der Boden war durch die schweren Fahrzeuge gefurcht und uns empfing eine herrliche Matsche. Kaum zu glauben – aber tatsächlich: ich freute mich über diesen Matsch! Alles war besser als Glatteis. Dann ging es weiter durch den Wald und wir erreichten Schneewege. Eine herrliche Winterlandschaft. Nach geschätzten 5-7 km trafen wir auf ein Schlittenteam, das uns mit Tee versorgte. Danach ging es weiter durch den tief verschneiten Wald. Mich erreichte das erste Runner‘s High. Ich war glücklich und erfreute mich am Anblick der verschneiten Landschaft. Der Schnee machte das Laufen nicht einfacher, aber mir war so ziemlich alles Recht – Hauptsache kein Glatteis.
Schließlich verkündete Tilo, dass er Schmerzen an seiner Hüfte hat. Es traf mich wie ein Blitz. Er konnte zunächst nur langsam Schritt für Schritt weiter. Ich machte mir Sorgen und schließlich auch Vorwürfe. Immerhin hatte ich ihn nach allen Regeln der Kunst zu diesem Lauf überredet. Selbst beim Gehen wurde der Abstand zwischen uns ziemlich groß, so dass ich immer mal wieder zum Warten gezwungen war. So begann ich mich allmählich mit dem Gedanken vertraut zu machen, den Lauf abzubrechen. Es zerriss mich innerlich bei dem Gedanken, war aber rein vernunftmäßig aus meiner Sicht eine richtige Entscheidung.
Der Wechsel zwischen laufen und stehen bleiben machte mir immer bewusster, dass auch ich kräftemäßig an meine Grenzen stieß. Der Waldweg schien unendlich. Noch eine Kurve und noch eine Kurve und noch eine und wieder eine und kein Ende in Sicht. Irgendwo muss doch die nächste Verpflegungsstelle kommen. Wir hatten einen echten Tiefpunkt und ich teilte Tilo meine Entscheidung –das Rennen abzubrechen- mit. Er protestierte heftig und erklärte, dass er diese Entscheidung immer noch selbst trifft und dies momentan überhaupt nicht zur Debatte stand. Na toll! Jetzt hatte ich mich damit abgefunden und nun sollte ich den Schalter wieder umlegen und mich erneut auf das Ziel Brockengipfel programmieren. Tilo gewann tatsächlich neue Kräfte und nahm den Laufschritt wieder auf. Ich hatte das Gefühl, ich bin am Ende mit meinen Kräften. So entfernte er sich weiter und weiter und war schließlich außer Sichtweite. Leichte Wut kroch in mir hoch und so fand ich doch in den Laufschritt zurück. Als ich Tilo erreichte, gab’s ne kurze Diskussion und die endgültige Entscheidung: wir laufen weiter.
Zum Glück war kurz darauf das ersehnte Rasseln zu hören!
An der Verpflegungsstelle (Lausebuche, km 64, nach 8h 25 min) zog Tilo trockene Sachen an. Das langsame Tempo hatte zum Frieren geführt – wie unangenehm. Als ich ihn so mit nacktem Oberkörper sah, bemerkte ich entgeisterte Gesichter um ihn herum. Allerdings – eine gute Entscheidung! So fühlte er sich doch gleich wieder besser. An dieser Verpflegungsstelle gab es auch kräftig gesalzene Brühe. Zwar schon etwas kalt, aber trotzdem lecker! Nach ausgiebiger Stärkung starteten wir zu den letzten 2 x 8 km. Das hörte sich sehr überschaubar an! Es begann zu schneien. Herrlich! Obwohl laufen im Schnee auch ziemlich anstrengend ist, genoss ich jeden Moment. Die Brühe bewirkte Wunder. Ich fühlte mich wieder top fit. Das nächste Runner’s High erwischte mich und ich genoss dieses Glücksgefühl. Unglaublich und sooooo schön!
Die 8 km bis zur Verpflegungsstelle in Oderbrück (nach 10h 20 min) verflogen für mich unmerklich schnell. Tilo war entnervt und gab seinen Rucksack ab, was mich etwas beunruhigte. Allerdings war ich optimistisch und in super Stimmung!  
Noch 8 km und die Ziellinie ist erreicht. Ich fühlte mich, als könnte ich schweben. So tibbelte ich vergnügt vor mich hin, genoss die herrliche Winterlandschaft und stoppte hin und wieder, um auf Tilo zu warten. Er kämpfte tapfer. Ich versuchte ihn ein bisschen aufzumuntern, mit witzigen Sprüchen (wie ich fand), aber er brummte nur genervt:“Lass mich bloß in Ruhe! Auf solch blöde Ideen -hier teilzunehmen- können nur Weiber kommen!“ Naja, das empfand ich als Auszeichnung und schwebte weiter voran. Wir hatten auf diesem letzten Streckenabschnitt keine Getränke mehr dabei. Tilo war davon ausgegangen, dass ich in meinem Rucksack noch Tee hätte. Hatte ich aber nicht. Das war hart für ihn. Wir wechselten immer wieder zwischen gehen und leichtem Laufschritt. Der Schneefall wurde heftiger und Wind kam auf. Die Sichtverhältnisse wurden zunehmend schlechter. Noch ca. 3 km. Der Wind wurde heftiger und der Schnee wechselte in Eisregen. Es fühlte sich an wie Nadelstiche auf meiner Haut. Der letzte km schien irgendwie kein Ende zu nehmen. Ich verlor schließlich Tilo aus den Augen und machte mir ernsthaft Sorgen. Stehenbleiben und warten war bei dem Wetter ausgeschlossen, so versuchte ich zu beschleunigen und wollte im Ziel ein Getränk fassen und ihm entgegenlaufen.
Endlich – Lichter in der Ferne! Ich erreichte den Bahnhof. Dann traf ich das Kamerateam und winkte hocherfreut. Auf die Frage:“Wer bist du?“ riss ich meine Gesichtsmaske runter und verkündete freudestrahlend:“Ich
bin‘s!“ (Hiiiiiiiilfe! Was für eine bescheuerte Antwort! Offensichtlich war ich so ausgezehrt, dass mich nur der Rettungsgedanke an Tilo vorantrieb.)
Dann traf ich auf die Zeitnehmerin. Die Sicht war so schlecht, dass ich erst ihren Block in der Hand erkannte, als ich ganz dicht an ihr dran war. Sie rief mir zu:“17 Uhr 47.“ Ich verstand nur 47 und widersprach:“Nein! Ich habe Startnummer 57.“ Das hatte sie natürlich längst notiert.
Ich realisierte überhaupt noch nicht, dass ich im Ziel – auf dem Brockengipfel (nach 11h 46 min)- angekommen war.
Noch wenige Schritte bis zum Haus. Vollkommen schockiert nahm ich wahr, dass ich jetzt eine Wendeltreppe hoch musste. Egal!
Im Gastraum angekommen, wurde ich mit lautem Jubel begrüßt. Ich griff einen Becher Cola und bewegte mich zurück. Die Wendeltreppe wieder runter, nur von dem Gedanken getrieben – ich muss zurück. Tilo hat Durst.
Gleich am Ausgang traf ich auf Tilo. Juchuuuuuuu, er ist da! Ich reichte ihm den Becher – er sagte ganz ruhig: „Alles gut!“ Er sah auch ziemlich entspannt aus. (Hab ich mir also völlig unnötig Sorgen gemacht!) Ich war sooooooooo froh. Im Moment war das der Schönste Augenblick. Erst kurz darauf, als Tilo laut protestierte: „Das ist nicht euer Ernst!? Die Treppe soll ich hoch???“, realisierte ich – wir hatten es geschafft. Und als Tilo im Gastraum jubelnd empfangen wurde, genoss ich diese Herzlichkeit und das Glücksgefühl.

Ein toller Lauf. Ich bin wieder um einige Erfahrungen reicher.

Allen Organisatoren und fleißigen Helfern auf der Strecke ein herzliches Dankeschön!

Ein großer Dank auch unserem Betreuerteam!

Nicht vergessen möchte ich all jene, die an mich geglaubt haben und mir die Daumen gedrückt haben. Eure Anrufe, E-Mails und SMS waren eine große Stütze. Danke!

Der größte und herzlichste Dank gilt Tilo. Er hat diesen Lauf tatsächlich in erster Linie mir zu liebe mitgemacht. Eine dicke Umarmung – Ich liebe Dich!

 

Triumph des Willens (Bericht Tilo)

       Als mir Andrea Ende letzten Jahres verkündete, dass sie für uns die Brocken – Challenge als Start ins neue Jahr rausgesucht hätte und ich mich auf der Webseite über den Lauf
       informiert hatte, liefen folgende Bilder vor meinem geistigen Auge ab:

       Länger und härter als der Rennsteig

-       Das ganze im Winter

-        Ziel ist der Gipfel des Brocken (kurzer Auszug aus der Wikipedia: Der Brocken ist ein Ort extremer Wetterbedingungen. Aufgrund der exponierten Lage im Norden Deutschlands liegt     sein Gipfel oberhalb der natürlichen Baumgrenze. Das Klima auf dem Brocken entspricht aufgrund des kurzen Sommers und sehr langen Winters, der vielen Monate mit geschlossener       Schneedecke, der schweren Stürme und niedrigen Temperaturen selbst im Sommer einer alpinen Lage in 1.600–2.200 m Höhe beziehungsweise dem Klima Islands. Aufgrund des       markanten Höhenunterschieds gegenüber den Vorländern weist der Brocken, als niederschlagsreichster Punkt im nördlichen Mitteleuropa Niederschläge im Jahresdurchschnitt von über      1600 Millimetern auf.)

-             Nur noch 12 Wochen Zeit zum Training (nach der Tour de Tirol im Oktober hatten wir unser Training doch runtergefahren und jetzt kamen die Feiertage mit familiären Verpflichtungen und
      der Winter mit der einen oder anderen Erkältung, Trainingstage immer im Dunklen, Nassen, bei Glätte)

Naja, ich wollte kein Spielverderber sein und Andrea hatte ja voriges Jahr beim Rennsteig und der Tour de Tirol eindrucksvoll bewiesen, dass sie ganz schön beißen kann. Außerdem ist der Kopf der größte Muskel wie man so schön sagt und Strecken jenseits der Marathondistanz werden vor allem dort entschieden; ich sagte also zu.

Es kam wie vorhergesagt, die neue Arbeit war natürlich erst mal wichtiger, mal sie mal ich waren erkältet und konnten vor allem die dringend notwendigen langen Läufe am WE nicht immer realisieren. Die Feiertage, das Wetter und meine Dienste taten ein Übriges um das Training suboptimal zu gestalten. Trotz alledem arbeiteten wir beharrlich weiter an unserem gemeinsamen Ziel und liefen doch recht viele gemeinsame Trainingskilometer, teilweise bei widrigsten Bedingungen. Aber für den Brocken war das ja gerade richtig.

Freitag also Anreise nach Göttingen, dort kurze Aufregung, da ich statt von Freitag zu Sonnabend irrtümlicherweise von Sonnabend zu Sonntag gebucht hatte. Zum Glück war noch ein Zimmer frei. Wir gingen also zum Briefing und ließen den Abend beim Italiener ausklingen.

Am nächsten Morgen sehr frühes Aufstehen und Vorbereitungen zum Start. Punkt 6 Uhr setzte sich die recht überschaubare Läuferschar in Bewegung. Die meisten waren doch recht erfahrene Ultraläufer (wie man den Erzählungen am Vortag und während des Laufes entnehmen konnte).  Mit ein paar britischen Soldaten (welche sich das eine Woche vorher überlegt hatten) waren allerdings auch ein paar Exoten dabei.

Die ersten km absolvierten wir im Dunkeln, bei dem Glatteis auf der Strecke doch sehr anspruchsvoll. Die nach der Webseitenempfehlung des Veranstalters noch schnell aus dem Dresdner Laufsportladen besorgten „Yaktrax“ hatten wir nicht mitgenommen, da am Vorabend bei der Streckenbeschreibung gesagt wurde, dass die Strecke auch ohne gut laufbar sei. Die ersten 20km hätten wir die echt benutzen können. Nach etwa 1,5h wurde es heller und wir spulten unsere km im Nebel runter, freuten uns auf die Verpflegungen, wo auch immer unser Fanblock stand und bekamen von der Umgebung nicht sehr viel mit. Zwischendurch immer mal ein kurzes Gespräch mit anderen Mitläufern, den besten Eindruck machte Freya (eine Sibirian Huskydame), welche bis zum Schluss ihren Spaß hatte (wenn es nur nicht so warm gewesen wäreJ).

Nach der Hälfte des Rennens spürte ich meine Muskeln doch schon deutlich und wegen mir hätte jetzt auch Schluss sein können, aber jeder der lange Strecken läuft kennt dieses Gefühl ja, jetzt heißt es umschalten im Kopf. Andrea hielt gut mit, ich brauchte mir keine Sorgen zu machen. Zwischen der 4. Und der 5. Verpflegungsstelle lag der so genannte „Entsafter“. 20km durch den Hochharz ohne Verpflegungspunkt. Der Untergrund hatte von Eis über Schlamm zu Schnee gewechselt und es reihte sich Kurve an Kurve ohne Ende. Rein mental gesehen wohl das anspruchsvollste Stück der Strecke. Abwechslung gab es nur an 2 Stellen, einmal hatten mehrere Frauen eine Getränkestelle aufgebaut (die hatten wirklich alles mit dem Schlitten über mehrere km bergauf gezogen, dafür ein extra Danke!) und an einer Stelle riss der Dunst mal auf und wir konnten einen kurzen Blick auf unser Tagesziel werfen. Mir viel das rennen jetzt immer schwerer. Zum einen tat mir meine Hüfte weh, zum anderen hatte ich wahrscheinlich an den Verpflegungsstellen zu wenig gegessen. Außerdem hatte ich auf der ersten Streckenhälfte doch sehr geschwitzt und bei der jetzt langsamen Laufgeschwindigkeit fing ich immer mehr an zu frieren. Die unmittelbare Folge war, dass ich noch mehr Energie verlor und mir so langsam aber sicher „der Saft ausging“. Ich kannte solche Gefühle vom Transalpin und wusste, dass man sich davon auch wieder erholen kann, allerdings hätte ich wohl Andrea besser nichts davon erzählt, der ging es nämlich bis dahin gut (zum Glück). Statt einfach schön weiter zu laufen bekam die jetzt bisschen Panik und beschäftigte sich mit dem Gedanken aufzuhören, was natürlich eher kontraproduktiv war. Außerdem war es für sie eine völlig neue Situation, vor mir her zu laufen weil ich nicht mehr konnte. Dabei ist das bei einem Ultra durchaus keine Seltenheit, dass es einem im Laufe des Rennens mal besser und mal schlechter geht. Entscheidend ist der Kopf!!

So auch bei mir, nach dem Essen und Trinken an der Verpflegung, dem Anziehen von trockenen Wechselsachen, ging es mir wieder besser und wir nahmen die letzten 2x 8km recht locker in Angriff. Allerdings war mein Energiedefizit doch größer als gedacht und der Verpflegungspunkt hatte das nur kurzfristig geändert. Mittlerweile tat die Hüfte schon lange nicht mehr weh, die Muskeln so ein bisschen (wie sich das eben so anfühlt nach 70km), aber ich hatte einfach keine Kraft mehr. Allerdings wusste ich auch, dass ich auf jeden Fall im Ziel ankommen kann, die Frage war nur wie lange wir noch brauchen. Da Andrea aber die ganze Zeit tendenziell besser drauf war als ich, machte ich mir darüber keine großen Gedanken, das passt schon. Der Anstieg auf den letzten km war kein Problem (da waren wir vom Transalpin und dem Kaisermarathon ganz anderes gewohnt), eher schon, dass Andrea an der letzten Verpflegung die Thermoskanne mit dem heißen Tee wieder abgegeben hatte (drückte auf den Rücken) und ich das nicht mitbekommen hatte. Während der letzten 3km brach so langsam die Dunkelheit über uns herein, zudem hatte es seit gut 2h angefangen zu schneien/regnen. In Richtung Gipfel artete das dann zum Sturm aus, der uns die letzten km nicht gerade leichter machte. Das Ziel konnte man jedenfalls erst gut 50m vorher erkennen, bis dahin stampfte man durch graue Suppe. Lust hatten wir jetzt beide keine mehr, nur noch ankommen war wichtig. Andrea hatte noch ein paar Körner mehr und stampfte auf und davon. Bei mir war nur noch ein großes Loch im Bauch wo dringendst was zu essen und zu Trinken rein musste.

Endlich das Ziel, stand doch tatsächlich bei diesem Sturm jemand draußen, begrüßte uns und notierte die Startnummer; ein echt harter Job. Am Eingang kam mir Andrea entgegen, mit was zu trinken. Wir umarmten uns und freuten uns gemeinsam über den Erfolg. Oben im Gastraum dann ein herzlicher Empfang von allen die vor uns ins Ziel gekommen waren. Eine halbe Stunde später, nach warmer Dusche, 1 Liter Radler, 2 Teller Erbsensuppe und 2 Bockwürsten war ich wieder Mensch und mir ging es gut. Andrea war sowieso die ganze Zeit gut drauf, unser Begleitteam hatte es mit Hilfe der Shuttlebusse der Johanniter auch bis auf den Gipfel geschafft, so das wir noch kurz unseren Erfolg feierten und uns dann Richtung Schierke zu unserem Auto fahren ließen. Das Wetter hatte mittlerweile die Straße fast unpassierbar gemacht, der Brockengipfel machte seinem Ruf alle Ehre. 3h später waren wir in Dresden und sanken alle tot müde ins Bett.

 


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