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Mein
erster 3-Tage-Wettkampf
Ich
bin gut vorbereitet. Durch einen Virus musste ich zwar 2 Wochen komplett das
Training ausfallen lassen, habe ich jedoch mit Mentaltraining kompensiert.
Trotzdem – ein ? bleibt.
Letzte
Generalprobe: Borsberglauf. Alles was zur Tour de Tirol wichtig ist, wollte ich
ein letztes Mal unter Wettkampfbedingungen trainieren. Nicht zu schnell
loslaufen, Kräfte einteilen, Reserven behalten, Spaß haben! War nicht ganz
einfach in der Umsetzung, hat aber funktioniert. Ich lief total glücklich,
zufrieden und entspannt ins Ziel.
Am
nächsten Tag – meine Muskeln waren fit. Im Kopf ist nun alles klar. Die Tour
kann starten.
Donnerstag, 9.10.2008
Wir fahren
ins „Wettkampfgebiet“. Die Autofahrt war lang. Einige Staus – erst Bierkästen
auf der Autobahn und dann auch noch Kühe auf der Fahrbahn.
Endlich im Hotel angekommen. Ich liege im Bett. Meine Gedanken kreuzen in alle
Richtungen. Ich freue mich, dass Daniela und Tom an mich denken werden! Danke
für eure Tipps und die letzte Motivation.
Die Füße sind unruhig, wollten heute nochmal laufen. Müssen sich noch bis
morgen gedulden.
Die Nervosität beginnt Raum zu gewinnen. Das will ich nicht zulassen. Gedanklich
gehe ich die Strecken nochmals durch.
Freitag, 10.10.2008
Ich werde
wach – oh nein! Der Kopf brummt, der Rücken schmerzt. Leichte Anzeichen von
Halsschmerzen.
Egal – der Wettkampf beginnt erst heute Abend, 18:00 Uhr. Genügend Zeit, um all
diese Fehlalarme auszuschalten. – Konzentration auf’‘s Frühstück! Tilo ist schon fertig und drängelt.
Danach fahren wir nach Söll, um unsere Startunterlagen abzuholen.
Wir steigen in die Bergbahn zum Gipfel, den wir
morgen per Fuß bezwingen werden. Die Sonne scheint und die Gegend ist reizvoll.
Mal sehn, ob ich das morgen noch genauso beurteile.
17:00
Uhr sind wir in Reith im Alpbachtal. Ich bin total aufgeregt. Wir nutzen die Zeit,
um die Strecke abzulaufen. Ist gleichzeitig unsere Erwärmung. In der
Streckenbeschreibung stand: „4 flache Runden“! Häääää? Flach????? Na
unter flach verstehe ich echt was anderes! Während der 2,5 km geht es munter
rauf und runter. Na toll. Mir ist schlecht.
Endlich – 18:00 Uhr (die Sonne lacht). Startschuss. Nun nur nicht zu schnell
werden! Der Reiz ist groß, ich muss mich wirklich sehr disziplinieren! Nach der
ersten Runde – kurzer Blick auf die Uhr - zu schnell. Auch die zweite Runde ist
noch zu schnell. Na egal. Lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Inzwischen ist es
total dunkel. Die Strecke ist echt super ausgeleuchtet – Flutlichtmäßig. Ich bin
begeistert von der Abwechslung die das Streckenprofil bietet und finde es von
Runde zu Runde schöner. Gar nicht so schlecht, dass es nicht wirklich flach
ist.
Nach 50 min habe ich die 4 Runden absolviert – ich bin im Ziel. Zu schnell.
Hoffentlich rächt sich das morgen nicht.
Mir ist kalt, aber es geht mir gut.
Zurück im Hotel nehme ich erst mal ein genüssliches Wannenbad. Es ist
geschafft. Nun sind es „nur“ noch 2 Läufe. Ich freue mich auf den Marathon und
habe gleichzeitig den absoluten Respekt vor der Strecke.
Viel Zeit zur Erholung bleibt nicht. Es ist 21:30 Uhr. Ich lese wieder und
wieder die Streckenbeschreibung.
Samstag, 11.10.2008
Unruhig
geschlafen, wache ich mit totaler Nervosität auf. Frühstück wird zur Würgekur.
Ich habe keinen Hunger und bekomme nur schwer ein Brötchen hinunter.
Wir fahren nach Söll und ich halte mich mehr im Toilettenhäuschen auf, als am
Auto. Naja, auch nicht schlecht, muss ich nicht soviel „Ballast“ mit mir
herumschleppen. Tilo wie üblich – die Ruhe in Person.
Dann geht’s endlich zum Start. Der Fernsehhubschrauber hat wegen Nebel
Startschwierigkeiten und somit verzögert sich im 5-Minuten-Takt unsere geplante
Startzeit (10:30 Uhr). 10:50 Uhr die Aufregung führt zu einem dringenden
Toilettenbedürfnis. Ich sause los. Kaum habe ich die „Hütte“ erreicht, vernehme
ich, dass es nun endlich in einer Minute losgehen kann. (Jetzt wird sogar Tilo
nervös! Der Start soll gleich erfolgen und ich bin nicht in seiner Nähe!) Na
nun aber schnell, schnell. Ich schaffe es gerade noch pünktlich.
Es geht los. Zunächst eine kleine Runde durch und um Söll und danach nach
Ellmau. Eine schöne abwechslungsreiche Halbmarathon-Strecke. Bis hierher sind
es schon 500 Hm und unterschiedliches Gelände. Verlockend zum schnell laufen.
Für den Halbmarathon wollte ich mir 2h 30 min Zeit lassen, um genügend Reserven
für den Aufstieg zu haben. Allerdings erreiche ich die Halbmarathonmarke
bereits nach 2h.
Dann geht es ca. 5 km steil Bergan. Ich fühle mich nicht mehr taufrisch, aber
es ist noch alles OK.
Bei km 25 kommen erste Zweifel: Was habe ich mir bloß dabei gedacht, mich bei
so einem Wettkampf anzumelden? Bin ich dieser Herausforderung gewachsen?
Danach endlich wieder Wanderwege (leicht hügelig). Ich habe Hunger. Bisher
keine Bananen bekommen, Gel und Riegel bekomm ich nicht runter. Und so stellen
sich Magenprobleme ein, die mich zu längeren Gehpausen zwingen.
Km 33 – es geht wieder bergan. Ich frage mich, warum
ich so bescheuert bin, an solch einem Bergmarathon teilzunehmen.
Die Laufstrecke führt direkt über eine Restaurant-Terrasse. Cool. Für einen
kurzen Moment genieße ich die Anfeuerungsrufe.
Bis km 36 geht mir so manches durch den Kopf. Wie schaffen das nur die
TransAlpin-Teilnehmer??? Ich verneige mich mehrfach innerlich vor lauter Ehrfurcht
und Respekt. Mir fällt ein, dass Daniela mir viel Spaß für das Rennen gewünscht
hat – S p a ß???? Ich bin hungrig und frustriert. Morgen nochmal einen
Halbmarathon? Das geht auf keinen Fall. Den wähle ich gleich spontan ab! Wozu
diese Schinderei? Wegen des Finisher-Shirts? Auf gar keinen Fall!!! Überhaupt – laufen ist doooof! ……
Ab km 36 geht es wieder bergab. Ich erinnere mich: Tom hatte mir den Tipp
gegeben, die Bergabstrecke, nicht zu schnell zu absolvieren. Das rächt sich am
letzten Anstieg. Naja, die Frage nach zu schnell stellt sich nicht. Mein Magen
lässt einen Laufschritt nicht zu. Das nervt! Jetzt wo ich wieder in Tritt
kommen könnte, spielt mein Magen verrückt. Sobald ich mich in Bewegung setze
und zum Laufschritt übergehe, gibt es heftige Stiche. Ich versuche mich zu
dehnen und so ruhig wie möglich zu atmen. Jetzt ist Mentaltraining angesagt.
Ich brauche dringend positive Gedanken. Also genieße ich in vollen Zügen die
Aussicht. Bei diesem herrlichen Wetter ist geniale Sicht. Schließlich gelingt
es mir doch wieder in einen leichten Laufschritt einzusteigen. Etwa bei km 37,5
bin ich wieder im Tritt. Der Magen lässt leichtes Laufen zu. Es geht immer
bergab und ich entferne mich sichtlich vom Ziel. Statt Richtung Hohe Salve geht
es runter bis auf 1140 m zur Station „Hexenwasser“. Dort angekommen - kurz vor
km 39 - erreiche ich endlich eine Verpflegungsstation mit Bananen. Ich esse was
rein passt und greife noch eine Handvoll Salzstangen. Jetzt bin ich zufrieden.
Diese fröhliche Stimmung hält nicht lange an, denn ab jetzt geht es steil bergan
-689 Hm und reichlich 3 km- in Richtung Ziel.
Bei km 40,5 gebe ich ab an mein Unterbewusstsein. Das weiß wie das mit den
Füßen funktioniert. So taumle ich die Wiese hoch. Und patsch bin ich im
Schlammloch. Mir total egal. Ich will endlich ankommen. Vollkommen
uninteressant wie! Hauptsache diese Quälerei hat bald ein Ende.
Bis km 41,5 wanke ich mehr oder weniger vom Unterbewusstsein gesteuert hoch,
hoch, hoch…
Dann endlich eine „ebene“ Wegstrecke kommt ich Sicht. Nun sind es noch ca. 300
m. Da geht noch was! Ich setze ein letztes Mal zum laufen an. Dann der letzte
Anstieg. Nichts geht mehr – tempomäßig. Ich schleiche die letzten Meter bis ins
Ziel. 6 Stunden 4 Minuten. Ich bin enttäuscht und fertig.
Eine super nette Betreuerin nimmt mich in den Arm, packt mich in eine Folie und
versorgt mich mit einem Getränk. Danke, danke, danke!
Dann endlich Tilo. Er nimmt mich in den Arm und ich kämpfe mit meinen
Enttäuschungstränen. 6 Stunden – mein längster Marathon. 2.160 Hm in den Beinen
– ich habe Hunger. Tilo erkundigt sich nach meinen Wünschen und organisiert
einen Sitzplatz. Die Frage: „Was willst du essen?“, beantworte ich emotionslos
mit: „Alles“. Und liebevoll wie er im Ziel immer um mich besorgt ist, schafft
er alles ran! J
Nur die warme Suppe, auf die ich mich so sehr gefreut hatte, war bereits alle.
Langsam kehren die Lebensgeister zurück und ich freue mich über die Medaille.
Die ist echt super cool. Na dafür hat sich dieser Schund doch gelohnt.
Wir fahren mit der Gondel zurück zum Parkplatz und treffen sogar noch die Hexe
an der Zwischenstation „Hexenwasser“ (eine Erlebnisplattform – vor allem für
Kinder / mit Schuhmuseum!). Sie posiert gut gelaunt vor Tilo’s Kamera. Das
lässt die Strapazen in Vergessenheit geraten.
Zurück im Hotel, suchen wir sofort die Sauna auf. Herrlich für die ausgepowerte
Muskulatur.
Und schon wieder überkommt mich ein Hungergefühl. Beim Abendessen überraschen
uns Katja und Bernd mit einem Kurzbesuch. Sie sind auf Durchreise. Ich gebe
gleich alle meine Erlebnisse weiter. Reden soll ja bekanntlich frei machen.
(Ich merk nichts. Die Beine tun weh und auf einen weiteren Lauf habe ich noch
immer keine Lust!)
Abend
im Bett lese ich die Streckenbeschreibung für den morgigen Halbmarathon: „4
flache Runden um den Walchsee“. Flache Runden – na hallo, das kenne ich ja
bereits. Wer weiß wie viele kleine Höhenmeter sich hinter „flach“ wieder
verstecken.
Jetzt wird erst mal geschlafen, dann werde ich nochmal über eine Teilnahme
nachdenken.
Sonntag, 12. Oktober 2008
Ausschlafen
– herrlich. Mein erster Gedanke geht wieder zum TransAlpin. Es ist 7:45 Uhr –
zu dieser Zeit sind die Läufer bereits auf Strecke. Wie gut geht es doch da den
Tour de Tirol – Teilnehmern. Heute ist 13:00 Uhr Start. Meine Beine fühlen sich
besser an, als gedacht. Nun der Versuch: aufstehen. He! Geht doch!
Zum Frühstück nehme ich sogar die Treppe statt des Fahrstuhls. Und auf dem
Rückweg versuche ich die Stufen im Laufschritt zu nehmen. Alles gut. Ich revidiere
meine Entscheidung von gestern. Die Sonne lacht und ich bin gut gelaunt. Ja
Daniela, du hast recht! Es macht Spaß! Also werde ich den Halbmarathon in
Angriff nehmen. Zielschluss ist nach 2h 45 min – das sollte doch zu schaffen
sein.
Wir
sind wieder reichlich zeitig am Startort. Das verschafft uns noch einen
günstigen Parkplatz. Tilo will gleich zum Startbereich. Ich nicht. Meine Beine
wollen sich noch etwas ausruhen!
Nach einer Weile gebe ich nach. Naja, ganz schön was los. Das lenkt mich ab.
Tilo ist eh schon total genervt von meiner Jammerei. Schließlich startet er zur
Erwärmung. Hääää? Jetzt schon laufen??? Ich nicht! Mir ist warm genug und ich
muss meine Beinmuskeln schonen!!!! Also: Streik!
5 min
vor Start – wir stehen schon im Startblock – da überkommt es mich wieder.
Schnell, schnell – ab in Richtung Toilette. Bin überrascht wie locker meine
Beine diesen Kurzsprint wegstecken.
Zurück im Startblock – ich bin erleichtert und optimistisch. Meine Beine haben
offensichtlich doch noch ein paar Reserven. J
Startschuss.
Ich gehe es langsam an. In der ersten Runde will ich erst mal das „flache“
Profil prüfen. Es hält was es verspricht. Für die Tiroler flach – für mich nur
näherungsweise flach. Immerhin reichlich 20 Hm/Runde.
Die erste Runde ist schnell geschafft. Auf der zweiten Runde denke ich wieder
an Daniela ihre Worte: Spaß haben! Ja ich habe Spaß! Die Runde ist
abwechslungsreich, meine Muskeln gestatten ein gleichmäßiges Tempo, das Wetter
ist super, fast schon etwas zu warm, die Landschaft – ein Genuss. Schon ist
auch die zweite Runde geschafft. Die 3. spule ich in gleichmäßigem Tempo ab und
überhole die ersten Läufer. Schließlich – die letzte Runde. Jetzt lass ich es
einfach laufen. Das Feld ist bereits so weit auseinandergezogen, dass es ein einsamer
Lauf mit mir selbst wird. Endlich – das Ziel ist nahe. Jetzt nochmal biss‘l
Tempo.
Juchuuuuuu – ich habe es geschafft! Ich bin im Ziel. Tilo nimmt mich in den
Arm. Ich kann es kaum glauben. Die „Tour de Tirol“ ist beendet. Auf zum
Finisher-T-Shirt. Komme mir vor wie ein kleines Kind. Freude, jauchzen,
jubeln…. Ich ziehe mich schnell um und
streife mir das „kleine Rote“ über. Stolz macht sich breit.
Ich
will es nicht mehr ausziehen. Wahnsinnsgefühl. Kann kaum glauben, dass ich
gestern noch darauf verzichten wollte.
2 Tage später – Rückblick
Ein
wirklich schönes Lauferlebnis. Natürlich darf man nicht vergessen, dass wir
echtes „Kaiserwetter“ hatten. Immer Sonne und super Sicht.
Die
Muskeln sind wieder fit und so machen wir eine schöne Bergtour zum „Hohen Rad“
(2.943 m). Noch einmal lassen wir die Tour de Tirol Revue passieren.
Schade, dass es mit der Verpflegung nicht ganz optimal für mich lief und
Magenprobleme mich zu Gehpausen zwangen. Trotzdem; die jederzeit phantastische
Sicht rund um die „Hohe Salve“ war ein totaler Genuss.
All die komischen Gedanken, die mir bei leichtem Sauerstoffmangel und
streckenweiser Motivationslosigkeit kamen, sind abgezogen wie Nebelschwaden.
Also lasst den Gedanken freien Lauf – nehmt sie nur während des Wettkampfes
nicht so ernst!
Noch immer bin ich fasziniert, wie sehr ich mich über das Finisher-T-Shirt
freue. Jetzt verstehe ich, warum die TransAlpinRunner so heiß drauf sind und
diese Strapazen durchstehen.
Für
mich war es ein super Test, was meine Muskeln möglich machen. Ein schönes
Erlebnis und eine weitere wichtige Erfahrung.
Ich bin bereit für neue Ziele und kann jedem diese Tour de Tirol empfehlen. Vor
allem all jenen Läufern, die wie ich – keine Frühaufsteher sind.
Abschließend
ein großes Dankeschön an meinen
lieben Tilo, der wegen mir wieder einmal Nerven aus Stahl benötigte.
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