Tour de Tirol

   
Datum: 10.10.2008 bis 12.10.2008 Strecke: 10km - 42,195km - 21,095km
Ort: 3 verschiedene Startorte in Tirol im Kaisergebirge weitere Strecken:  
Internetadresse: http://www.tourdetirol.com/tour_de_tirol/informationen.html    

Art des Laufes: Landschaftslauf  

Besonderheiten/ Kommentare:

Anspruch: 10km und HM fast flach(je nachdem ob man in Sachsen oder Oesterreich wohnt); der Marathon sehr anspruchvoll  

- man kann auch an allen Läufen einzeln teilnehmen
- 2009 ist der Kaisermarathon gleichzeitig die Berglauf Weltmeisterschaft

 

Stimmung: super
Organisation: sehr gut
Verpflegung: gut, auch wenn beim Marathon die Bananen alle waren (siehe Bericht)
Startgeld: gestaffelt je nach Anmeldedatum für die gesamte Tour etwa 130€
Wetter: sonnig, warm, windstill, also perfekt

Ein Bericht von Andrea Heschel  

Mein erster 3-Tage-Wettkampf

Ich bin gut vorbereitet. Durch einen Virus musste ich zwar 2 Wochen komplett das Training ausfallen lassen, habe ich jedoch mit Mentaltraining kompensiert. Trotzdem – ein ? bleibt.

Letzte Generalprobe: Borsberglauf. Alles was zur Tour de Tirol wichtig ist, wollte ich ein letztes Mal unter Wettkampfbedingungen trainieren. Nicht zu schnell loslaufen, Kräfte einteilen, Reserven behalten, Spaß haben! War nicht ganz einfach in der Umsetzung, hat aber funktioniert. Ich lief total glücklich, zufrieden und entspannt ins Ziel.

Am nächsten Tag – meine Muskeln waren fit. Im Kopf ist nun alles klar. Die Tour kann starten.

Donnerstag, 9.10.2008
Wir fahren ins „Wettkampfgebiet“. Die Autofahrt war lang. Einige Staus – erst Bierkästen auf der Autobahn und dann auch noch Kühe auf der Fahrbahn.
Endlich im Hotel angekommen. Ich liege im Bett. Meine Gedanken kreuzen in alle Richtungen. Ich freue mich, dass Daniela und Tom an mich denken werden! Danke für eure Tipps und die letzte Motivation.
Die Füße sind unruhig, wollten heute nochmal laufen. Müssen sich noch bis morgen gedulden.
Die Nervosität beginnt Raum zu gewinnen. Das will ich nicht zulassen. Gedanklich gehe ich die Strecken nochmals durch
.

Freitag, 10.10.2008
Ich werde wach – oh nein! Der Kopf brummt, der Rücken schmerzt. Leichte Anzeichen von Halsschmerzen.
Egal – der Wettkampf beginnt erst heute Abend, 18:00 Uhr. Genügend Zeit, um all diese Fehlalarme auszuschalten. – Konzentration auf’‘s Frühstück!
  Tilo ist schon fertig und drängelt.
Danach fahren wir nach Söll, um unsere Startunterlagen abzuholen.
Wir steigen in die
Bergbahn zum Gipfel, den wir morgen per Fuß bezwingen werden. Die Sonne scheint und die Gegend ist reizvoll. Mal sehn, ob ich das morgen noch genauso beurteile.

17:00 Uhr sind wir in Reith im Alpbachtal. Ich bin total aufgeregt. Wir nutzen die Zeit, um die Strecke abzulaufen. Ist gleichzeitig unsere Erwärmung. In der Streckenbeschreibung stand: „4 flache Runden“! Häääää? Flach????? Na unter flach verstehe ich echt was anderes! Während der 2,5 km geht es munter rauf und runter. Na toll. Mir ist schlecht.
Endlich – 18:00 Uhr (die Sonne lacht). Startschuss. Nun nur nicht zu schnell werden! Der Reiz ist groß, ich muss mich wirklich sehr disziplinieren! Nach der ersten Runde – kurzer Blick auf die Uhr - zu schnell. Auch die zweite Runde ist noch zu schnell. Na egal. Lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Inzwischen ist es total dunkel. Die Strecke ist echt super ausgeleuchtet – Flutlichtmäßig. Ich bin begeistert von der Abwechslung die das Streckenprofil bietet und finde es von Runde zu Runde schöner. Gar nicht so schlecht, dass es nicht wirklich flach ist.
Nach 50 min habe ich die 4 Runden absolviert – ich bin im Ziel. Zu schnell. Hoffentlich rächt sich das morgen nicht.
Mir ist kalt, aber es geht mir gut.
Zurück im Hotel nehme ich erst mal ein genüssliches Wannenbad. Es ist geschafft. Nun sind es „nur“ noch 2 Läufe. Ich freue mich auf den Marathon und habe gleichzeitig den absoluten Respekt vor der Strecke.
Viel Zeit zur Erholung bleibt nicht. Es ist 21:30 Uhr. Ich lese wieder und wieder die Streckenbeschreibung.

Samstag, 11.10.2008
Unruhig geschlafen, wache ich mit totaler Nervosität auf. Frühstück wird zur Würgekur. Ich habe keinen Hunger und bekomme nur schwer ein Brötchen hinunter.
Wir fahren nach Söll und ich halte mich mehr im Toilettenhäuschen auf, als am Auto. Naja, auch nicht schlecht, muss ich nicht soviel „Ballast“ mit mir herumschleppen. Tilo wie üblich – die Ruhe in Person.
Dann geht’s endlich zum Start. Der Fernsehhubschrauber hat wegen Nebel Startschwierigkeiten und somit verzögert sich im 5-Minuten-Takt unsere geplante Startzeit (10:30 Uhr). 10:50 Uhr die Aufregung führt zu einem dringenden Toilettenbedürfnis. Ich sause los. Kaum habe ich die „Hütte“ erreicht, vernehme ich, dass es nun endlich in einer Minute losgehen kann. (Jetzt wird sogar Tilo nervös! Der Start soll gleich erfolgen und ich bin nicht in seiner Nähe!) Na nun aber schnell, schnell. Ich schaffe es gerade noch pünktlich.
Es geht los. Zunächst eine kleine Runde durch und um Söll und danach nach Ellmau. Eine schöne abwechslungsreiche Halbmarathon-Strecke. Bis hierher sind es schon 500 Hm und unterschiedliches Gelände. Verlockend zum schnell laufen. Für den Halbmarathon wollte ich mir 2h 30 min Zeit lassen, um genügend Reserven für den Aufstieg zu haben. Allerdings erreiche ich die Halbmarathonmarke bereits nach 2h.
Dann geht es ca. 5 km steil Bergan. Ich fühle mich nicht mehr taufrisch, aber es ist noch alles OK.
Bei km 25 kommen erste Zweifel: Was habe ich mir bloß dabei gedacht, mich bei so einem Wettkampf anzumelden? Bin ich dieser Herausforderung gewachsen?
Danach endlich wieder Wanderwege (leicht hügelig). Ich habe Hunger. Bisher keine Bananen bekommen, Gel und Riegel bekomm ich nicht runter. Und so stellen sich Magenprobleme ein, die mich zu längeren Gehpausen zwingen.
 Km 33 –  es geht wieder bergan. Ich frage mich, warum ich so bescheuert bin, an solch einem Bergmarathon teilzunehmen.
Die Laufstrecke führt direkt über eine Restaurant-Terrasse. Cool. Für einen kurzen Moment genieße ich die Anfeuerungsrufe.
Bis km 36 geht mir so manches durch den Kopf. Wie schaffen das nur die TransAlpin-Teilnehmer??? Ich verneige mich mehrfach innerlich vor lauter Ehrfurcht und Respekt. Mir fällt ein, dass Daniela mir viel Spaß für das Rennen gewünscht hat – S p a ß???? Ich bin hungrig und frustriert. Morgen nochmal einen Halbmarathon? Das geht auf keinen Fall. Den wähle ich gleich spontan ab! Wozu diese Schinderei? Wegen des Finisher-Shirts? Auf gar keinen Fall!!!
  Überhaupt – laufen ist doooof! ……
Ab km 36 geht es wieder bergab. Ich erinnere mich: Tom hatte mir den Tipp gegeben, die Bergabstrecke, nicht zu schnell zu absolvieren. Das rächt sich am letzten Anstieg. Naja, die Frage nach zu schnell stellt sich nicht. Mein Magen lässt einen Laufschritt nicht zu. Das nervt! Jetzt wo ich wieder in Tritt kommen könnte, spielt mein Magen verrückt. Sobald ich mich in Bewegung setze und zum Laufschritt übergehe, gibt es heftige Stiche. Ich versuche mich zu dehnen und so ruhig wie möglich zu atmen. Jetzt ist Mentaltraining angesagt. Ich brauche dringend positive Gedanken. Also genieße ich in vollen Zügen die Aussicht. Bei diesem herrlichen Wetter ist geniale Sicht. Schließlich gelingt es mir doch wieder in einen leichten Laufschritt einzusteigen. Etwa bei km 37,5 bin ich wieder im Tritt. Der Magen lässt leichtes Laufen zu. Es geht immer bergab und ich entferne mich sichtlich vom Ziel. Statt Richtung Hohe Salve geht es runter bis auf 1140 m zur Station „Hexenwasser“. Dort angekommen - kurz vor km 39 - erreiche ich endlich eine Verpflegungsstation mit Bananen. Ich esse was rein passt und greife noch eine Handvoll Salzstangen. Jetzt bin ich zufrieden.
Diese fröhliche Stimmung hält nicht lange an, denn ab jetzt geht es steil bergan -689 Hm und reichlich 3 km- in Richtung Ziel.
Bei km 40,5 gebe ich ab an mein Unterbewusstsein. Das weiß wie das mit den Füßen funktioniert. So taumle ich die Wiese hoch. Und patsch bin ich im Schlammloch. Mir total egal. Ich will endlich ankommen. Vollkommen uninteressant wie! Hauptsache diese Quälerei hat bald ein Ende.
Bis km 41,5 wanke ich mehr oder weniger vom Unterbewusstsein gesteuert hoch, hoch, hoch…
Dann endlich eine „ebene“ Wegstrecke kommt ich Sicht. Nun sind es noch ca. 300 m. Da geht noch was! Ich setze ein letztes Mal zum laufen an. Dann der letzte Anstieg. Nichts geht mehr – tempomäßig. Ich schleiche die letzten Meter bis ins Ziel. 6 Stunden 4 Minuten. Ich bin enttäuscht und fertig.
Eine super nette Betreuerin nimmt mich in den Arm, packt mich in eine Folie und versorgt mich mit einem Getränk. Danke, danke, danke!
Dann endlich Tilo. Er nimmt mich in den Arm und ich kämpfe mit meinen Enttäuschungstränen. 6 Stunden – mein längster Marathon. 2.160 Hm in den Beinen – ich habe Hunger. Tilo erkundigt sich nach meinen Wünschen und organisiert einen Sitzplatz. Die Frage: „Was willst du essen?“, beantworte ich emotionslos mit: „Alles“. Und liebevoll wie er im Ziel immer um mich besorgt ist, schafft er alles ran!
J Nur die warme Suppe, auf die ich mich so sehr gefreut hatte, war bereits alle.
Langsam kehren die Lebensgeister zurück und ich freue mich über die Medaille. Die ist echt super cool. Na dafür hat sich dieser Schund doch gelohnt.
Wir fahren mit der Gondel zurück zum Parkplatz und treffen sogar noch die Hexe an der Zwischenstation „Hexenwasser“ (eine Erlebnisplattform – vor allem für Kinder / mit Schuhmuseum!). Sie posiert gut gelaunt vor Tilo’s Kamera. Das lässt die Strapazen in Vergessenheit geraten.
Zurück im Hotel, suchen wir sofort die Sauna auf. Herrlich für die ausgepowerte Muskulatur.
Und schon wieder überkommt mich ein Hungergefühl. Beim Abendessen überraschen uns Katja und Bernd mit einem Kurzbesuch. Sie sind auf Durchreise. Ich gebe gleich alle meine Erlebnisse weiter. Reden soll ja bekanntlich frei machen. (Ich merk nichts. Die Beine tun weh und auf einen weiteren Lauf habe ich noch immer keine Lust!)

Abend im Bett lese ich die Streckenbeschreibung für den morgigen Halbmarathon: „4 flache Runden um den Walchsee“. Flache Runden – na hallo, das kenne ich ja bereits. Wer weiß wie viele kleine Höhenmeter sich hinter „flach“ wieder verstecken.
Jetzt wird erst mal geschlafen, dann werde ich nochmal über eine Teilnahme nachdenken.

Sonntag, 12. Oktober 2008
Ausschlafen – herrlich. Mein erster Gedanke geht wieder zum TransAlpin. Es ist 7:45 Uhr – zu dieser Zeit sind die Läufer bereits auf Strecke. Wie gut geht es doch da den Tour de Tirol – Teilnehmern. Heute ist 13:00 Uhr Start. Meine Beine fühlen sich besser an, als gedacht. Nun der Versuch: aufstehen. He! Geht doch!
Zum Frühstück nehme ich sogar die Treppe statt des Fahrstuhls. Und auf dem Rückweg versuche ich die Stufen im Laufschritt zu nehmen. Alles gut. Ich revidiere meine Entscheidung von gestern. Die Sonne lacht und ich bin gut gelaunt. Ja Daniela, du hast recht! Es macht Spaß! Also werde ich den Halbmarathon in Angriff nehmen. Zielschluss ist nach 2h 45 min – das sollte doch zu schaffen sein.

Wir sind wieder reichlich zeitig am Startort. Das verschafft uns noch einen günstigen Parkplatz. Tilo will gleich zum Startbereich. Ich nicht. Meine Beine wollen sich noch etwas ausruhen!
Nach einer Weile gebe ich nach. Naja, ganz schön was los. Das lenkt mich ab. Tilo ist eh schon total genervt von meiner Jammerei. Schließlich startet er zur Erwärmung. Hääää? Jetzt schon laufen??? Ich nicht! Mir ist warm genug und ich muss meine Beinmuskeln schonen!!!! Also: Streik!

5 min vor Start – wir stehen schon im Startblock – da überkommt es mich wieder. Schnell, schnell – ab in Richtung Toilette. Bin überrascht wie locker meine Beine diesen Kurzsprint wegstecken.
Zurück im Startblock – ich bin erleichtert und optimistisch. Meine Beine haben offensichtlich doch noch ein paar Reserven.
J

Startschuss. Ich gehe es langsam an. In der ersten Runde will ich erst mal das „flache“ Profil prüfen. Es hält was es verspricht. Für die Tiroler flach – für mich nur näherungsweise flach. Immerhin reichlich 20 Hm/Runde.
Die erste Runde ist schnell geschafft. Auf der zweiten Runde denke ich wieder an Daniela ihre Worte: Spaß haben! Ja ich habe Spaß! Die Runde ist abwechslungsreich, meine Muskeln gestatten ein gleichmäßiges Tempo, das Wetter ist super, fast schon etwas zu warm, die Landschaft – ein Genuss. Schon ist auch die zweite Runde geschafft. Die 3. spule ich in gleichmäßigem Tempo ab und überhole die ersten Läufer. Schließlich – die letzte Runde. Jetzt lass ich es einfach laufen. Das Feld ist bereits so weit auseinandergezogen, dass es ein einsamer Lauf mit mir selbst wird. Endlich – das Ziel ist nahe. Jetzt nochmal biss‘l Tempo.
Juchuuuuuu – ich habe es geschafft! Ich bin im Ziel. Tilo nimmt mich in den Arm. Ich kann es kaum glauben. Die „Tour de Tirol“ ist beendet. Auf zum Finisher-T-Shirt. Komme mir vor wie ein kleines Kind. Freude, jauchzen, jubeln….
   Ich ziehe mich schnell um und streife mir das „kleine Rote“ über. Stolz macht sich breit.

Ich will es nicht mehr ausziehen. Wahnsinnsgefühl. Kann kaum glauben, dass ich gestern noch darauf verzichten wollte.

2 Tage später – Rückblick
Ein wirklich schönes Lauferlebnis. Natürlich darf man nicht vergessen, dass wir echtes „Kaiserwetter“ hatten. Immer Sonne und super Sicht.

Die Muskeln sind wieder fit und so machen wir eine schöne Bergtour zum „Hohen Rad“ (2.943 m). Noch einmal lassen wir die Tour de Tirol Revue passieren.
Schade, dass es mit der Verpflegung nicht ganz optimal für mich lief und Magenprobleme mich zu Gehpausen zwangen. Trotzdem; die jederzeit phantastische Sicht rund um die „Hohe Salve“ war ein totaler Genuss.
All die komischen Gedanken, die mir bei leichtem Sauerstoffmangel und streckenweiser Motivationslosigkeit kamen, sind abgezogen wie Nebelschwaden.
Also lasst den Gedanken freien Lauf – nehmt sie nur während des Wettkampfes nicht so ernst!
Noch immer bin ich fasziniert, wie sehr ich mich über das Finisher-T-Shirt freue. Jetzt verstehe ich, warum die TransAlpinRunner so heiß drauf sind und diese Strapazen durchstehen.

Für mich war es ein super Test, was meine Muskeln möglich machen. Ein schönes Erlebnis und eine weitere wichtige Erfahrung.
Ich bin bereit für neue Ziele und kann jedem diese Tour de Tirol empfehlen. Vor allem all jenen Läufern, die wie ich – keine Frühaufsteher sind.

Abschließend ein großes Dankeschön an meinen lieben Tilo, der wegen mir wieder einmal Nerven aus Stahl benötigte.


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