Rennsteig 2008

   
Datum: 19. Mai 2008 Strecke: Supermarathon 72,7 km
Ort: Eisenach bis Schmiedefeld weitere Strecken: Juniorcross, verschiedene Wander- und Walkingstrecken
Internetadresse: http://www.rennsteiglauf.de/index1024.html    Halbmarathon, Marathon

Art des Laufes: Deutschlands längster Crosslauf auf dem Kamm des Thüringer Waldes  

Besonderheiten/ Kommentare:

Anspruch: hoch (1490m Aufstieg, 989 m Abstieg)  

 

 

Stimmung: super
Organisation: perfekt
Verpflegung: sehr gut (insgesamt 14 Verpflegungspunkte mit umfassender Auswahl an Essen und Trinken)
Startgeld: 35€
Wetter: Start (6 Uhr) trocken ca. 13 Grad; zwischendurch 1h Regen, später bedeckt bis sonnig etwa 18 Grad

Ein Bericht von Andrea Heschel  

Mein erster Ultra
Weihnachtsfeier der Dresdner Durchläufer 2007 – jeder sollte sein persönliches Ziel für das Laufjahr 2008 bekannt geben. Na toll! Meine Planung war noch gar nicht familienintern besprochen worden. Endlich – ich war an der Reihe: „Am liebsten würde ich ja mal am TransAlpine Run teilnehmen, aber erst mal werde ich es mit dem Rennsteig-Ultra-Marathon versuchen. Wenn ich den schaffe, dann plane ich weiter.“
So, jetzt war es raus! Tilo schlief leicht das Gesicht ein und er schaute mich fragend an. Ich grinste zurück. Die Überraschung war gelungen!

Januar. Der Trainingsplan stand. Tilo hatte sich einige Gemeinheiten für mich ausgedacht. So z. B. Reduzierung des Cappuccino-Konsums und konsequentes Einschränken bei Süßigkeiten. Für mich der totale Horror! Aber Tilo wollte natürlich nur mein Bestes. J ? Außerdem wurde neben dem Lauftraining ein konsequentes Dehn- und Kräftigungsprogramm in den Trainingsplan aufgenommen. Das gefiel mir. (Nachdem ich bei Bernd zur Laufanalyse war und meine Schwachstellen identifizieren lies, hatte ich dies bereits in meinen Tagesplan aufgenommen.)
Zu Tilo‘s totalem Entsetzen besorgte ich mir schließlich noch den LegMagic. Ein nicht zu unterschätzendes Übungsprogramm. Diese 13 min haben es in sich – zumindest am Anfang!
Und da ich bereits ausreichend Erfahrung im „Kopfrennen“ gemacht hatte, entschied ich, ein konsequentes Mentaltraining zu absolvieren. Mir war klar, diese 72,7 km muss ich als Erstes im Kopf schaffen.

Der erste Testlauf sollte der Citylauf werden. Der fiel aus, da ich vorher beim Training gestürzt und zwei herrlich blaue Knie hatte, die kaum zum gehen taugten. Dafür erfuhr ich aber am Streckenrand die totalen „Wundermärchen“ über die neuen Kompressionsstrümpfe. Schick ist ja echt anders, aber wenn sie tatsächlich nur ein Minimum von dem erfüllten, was man von ihnen berichtet, wäre das ideal für meinen ersten Ultra. (?????...)

Dann war der Hamburg-Marathon geplant. Gesundheitlich angekratzt und gestresst durch Renovierungsarbeiten im Büro, wählte ich die Reise ab. Zeitgleich fand auch der Königstein-Marathon statt. Zwei Tage vorher zuckte es in den Füßen und ich meldete mich an. Auf der Marathonmesse fiel dann die Finalentscheidung: Kauf der „sagenumwobenen Kompressionssocken“. Die wollte ich gleich beim Marathon testen.
Ich kam mir echt bescheuert vor. Leider war es an dem Tag so warm, dass ich sie nicht unter langen Hosen verstecken konnte. Egal – wenn‘s hilft, muss ich da eben durch. Martina hat mich ab km 21 begleitet. Das war natürlich genial! Wenn man die ganze Zeit jemanden zum quatschen hat, sind 21 km schnell vorbei. Danke Martina!
Im Ziel fühlte ich mich super und der sonst übliche Muskelkater blieb aus. Juchhe! Ganz klar – das musste an den Socken liegen!

Nun begann langsam der Count down. Noch zwei Wochen Training und dann nur noch ein paar kleine schonende Einheiten. Zwei Tage vor dem Start begann die Nervosität zu steigen.
Am Freitag fuhren wir in aller Gemütlichkeit zusammen mit Bernd, Katja, Jona und Lilly nach Eisenach. So war ich etwas abgelenkt. In Eisenach noch eine kleiner „Stadtbummel“. Ich hatte Appetit auf Kaffee, doch Bernd ermahnte mich, das sein nicht gut, dehydriert zu sehr. Na toll – leichtes Stimmungstief. Dann ließen wir uns gemütlich in einem Eiskaffee nieder und bei der Bestellung glaubte ich meinen Ohren nicht zu trauen! Bernd bestellte sich einen Eiskaffee!!! Das will ich jetzt nicht weiter kommentieren. ....
Später trafen wir noch auf Steffen und Ralf, die Stefan mitgebracht hatten, der uns an der Strecken betreuen sollte. Für mich irgendwie ein beruhigendes Gefühl. Ich hatte echt bissl Angst vor dieser langen einsamen Distanz. So war wenigstens gesichert, immer mal ein bekanntes Gesicht am Streckenrand zu sehen. Katja war zwar auch zur Streckenbetreuung mit, aber da Bernd und Tilo wesentlich schneller laufen als ich, bestand keine Hoffnung für mich, Katja am Streckenrand zu treffen. L
Später stießen auch noch Daniela und Tom zu uns. Sie hatten sich auch für die Übernachtung im Hotel entschieden. So war auch am Abend für Abwechslung gesorgt und für meine Aufregung blieb nicht wirklich Zeit.

Das Hotel beherbergte viele Rennsteigläufer, war allerdings bei den Frühstückszeiten nicht wirklich flexibel. Sicher ist 5:00 Uhr für ein Frühstück im Hotel sehr zeitig – für einen Ultraläufer, der 6:00 Uhr am Start stehen muss jedoch viel zu spät! Da ich vor Aufregung ohnehin kaum einen Bissen hinunter würgen konnte, war die Zeit optimal, da musste ich nämlich nicht soooo zeitig raus. Für mich ist aufstehen vor 6:00 Uhr der absolute Horror.

Als der Wecker 4:30 Uhr klingelte, kam ich schneller aus dem Bett, als erwartet. Ich war auch nicht besonders müde. Nur essen – das ging nicht. Mir war flau im Magen und ich stellte mir die Frage, ob ich mir das wirklich zumuten will. 72,7 km allein mit mir selbst. Naja, diese Gedanken waren jetzt eh fehl am Platz. Wer A sagt, muss auch B sagen können. Also konzentrierte ich mich auf Positiv-Gedanken. Wozu hatte ich mich schließlich mit Mentaltraining beschäftigt!

Die Temperaturen waren optimal! Überhaupt nicht kalt. Das gefiel mir.
5:50 Uhr noch ein Gruppenfoto unter der Durchläuferfahne, die Stefan mitgebracht hat. Echt geniales Teil! Stefan – super Idee -  spitzenmäßige Umsetzung!

6:00 Uhr – Start. Es ging los. Die Gedanken rasten durch meinen Kopf.
Schön ruhig bleiben. Nur nicht zu schnell anlaufen! Landschaft genießen. Heute heißt es nur: durchhalten!

Nach etwa 10 km begann es zu regnen. Mir doch egal. Genau mein Wetter – motivierte ich mich! Hauptsache im Ziel scheint die Sonne!

Bei Kilometer 12,6 stand Katja mit Jona und Lilly am Streckenrand – im Regen. Gänsehaut vor Freude. Hatte nicht damit gerechnet. Diese Freude begleitete mich einige Kilometer.

Es ging hinauf zum Inselsberg. Leichter als ich gedacht hatte. – Geschafft. Na super! Und jetzt ging’s heftig Bergab. Vorsicht war geboten. Es war glitschig. Rutschgefahr!
Unten angekommen, erblickte ich nahe der Verpflegungsstelle bei Kilometer 26,8 erneut Katja. Welch treue Streckenbegleitung!

Getränkestelle – Kilometer 33,6 – aaaaah die Durchläuferfahne! Cooler Empfang. Aber wo ist Stefan? Beinahe hätte ich ihn übersehen und er mich verpasst. Er hatte noch nicht mit mir gerechnet. Ich war schneller als mein Zeitplan unterwegs.

Verpflegungsstelle „Neue Ausspanne“ (Kilometer 40,8) – ich fühlte mich super. Da stand sie wieder die Durchläuferfahne! Und weiter hinten – Stefan. Ein schönes Gefühl, nach „einsamen“ Kilometern herzlich an der Verpflegungsstelle umsorgt zu werden. Stefan verabschiedete sich. Er musste jetzt nach Schmiedefeld in den Zielbereich.
Nun begann also das wirklich „einsame“ Rennen. Knapp 33 km lagen noch vor mir und kein vertrautes Gesicht mehr am Streckenrand zu erwarten. Für einen kurzen Moment machte mich das traurig. Wie gut hatten es doch die anderen Teams! Ralf und Steffen – Daniela und Tom – Tilo und Bernd. Wie sehr ich sie in diesem Moment beneidete. Ich trottete Gedankenverloren vor mich hin.

Verwirrung am Grenzadler – km 54,7. Hier konnte aussteigen wem es nicht mehr gut ging. Mir ging‘s super, nur durchschaute ich nicht ganz wo es jetzt lang ging. Musste ich über die Matte oder war die nur für die Aussteiger? Naja egal, auf jeden Fall gab’s nach der Matte die Verpflegungsstelle, dort musste ich auf jeden Fall hin und dann mal ganz in Ruhe die Gegend absuchen. Die Beine wurden langsam schwer, aber sie schmerzten nicht. Also alles Bestens - dachte ich so für mich.

Am Rondell (bei km 56,8) glaubte ich meinen Augen nicht! Lilly, Katja und Jona. Am liebsten hätte ich mich vor Freude hingeschmissen. Das war wie ein imaginärer Vitamincoctail. Ich jubelte noch mindestens 2 km lang in mich hinein und hoffte, dass Katja es noch rechtzeitig zum Zieleinlauf von Bernd schaffen wird. Bernd und Tilo müssten eigentlich bald in Schmiedefeld ankommen.

Dann endlich das ersehnte Kilometerschild mit der 60. Nur noch 13 km. Das werd ich schon schaffen. Doch da meldeten sich tatsächlich meine Beine, die plötzlich der Meinung waren, dass gehen einfacher ist als laufen. OK, dachte ich, dann machen wir mal ne kleine Erholungstour. Ich versuchte irgend ne Bewegungsart zwischen gehen und joggen. Keine Ahnung wie das aussah. Musste selbst drüber schmunzeln. Und ehe ich mich richtig besann, leuchtete mir schon das Kilometerschild 65 entgegen.

He, ist ja super! Nur noch 8 Kilometer. Irgendwie versuchte ich wieder einen ordentlichen Laufstil hinzubekommen. Und siehe da – geht doch! Na bitte, ich wusste es! Das Rennen findet in erster Linie im Kopf statt und der freute sich auf das Kilometerschild 70! Also spulte ich wie automatisch die Laufbewegung ab und kam wieder in Schwung.

Das Kilometerschild 70 ließ auf sich warten. Es schien mir schon ewig her zu sein, dass ich km 69 passiert hatte. Jetzt bloß nicht schlapp machen! Es muss gleich kommen! Vielleicht habe ich es auch übersehen???? Vielleicht kommt als nächstes schon km71? Ich beschleunigte. Ich wollte endlich das nächste Kilometerschild erreichen!

Ja, da ist es – Kilometerschild 71. Gleich geschafft. Wie von selbst begannen die Beine schneller zu werden. Innerlich schrie ich schon: „Ich komme! Gleich bin ich da!“
Dann der Zieleinlauf. Ich war wie in Trance! Schneller, schneller. Da stand Tilo und freute sich mich zu sehen. Dann sah ich die Durchläuferfahne. Nicht zu glauben – mitten im Zielbereich!!! Wie hat Stefan das wohl hinbekommen??? Nicht zu toppen!
Ich riss die Arme hoch – juchuuuuu.... Ich war angekommen. Genoss in vollen Zügen den Jubel. Tilo umarmte mich und schien mich fast zu erdrücken. Für einen Moment war mir nicht klar wer von uns beiden sich mehr über meinen Zieleinlauf freute – er oder ich? Das totale Gefühls-Chaos brach über mich rein. Freude, Jubel, Tränen. Ich hatte es geschafft und konnte es selbst kaum glauben!

Danke an alle,
                          die an mich geglaubt,
                          an mich gedacht und
                          mich unterstützt haben!


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