|
Mentaler
Leidensweg – Münchenmarathon
Vor dem „großen Ereignis“ studierte ich die
Ergebnisse des Köln-Marathons. Ehrfurchtsvoll betrachtete ich die
Durchlaufzeiten von Anke. Wie im Lehrbuch! Glückwunsch!!! Daran will ich mir
ein Beispiel nehmen.
München, 14.10.2007 — vorm
Start 10 ºC, neblig — wir frieren!
Wetterprognose:
sonnig, windstill und 16 ºC. Also optimale Laufbedingungen.
Tilo hatte ich als persönlichen Pacemaker engagiert. Ich war voller Motivation
und Vorfreude.
Wir standen zitternd im Startblock A, unter tausenden anderen Läufern, da
trafen wir Klaus und Sabine . Kaum zu glauben – aber wahr! 10:00 Uhr Startschuss. Alle warfen die wärmenden
Tüten/T-Shirts u.ä. ab – nur ich nicht – mir war immer noch kalt – ich wollte
warten, bis es mir tatsächlich warm werden würde!? Bei km 3 (an der Akademie der Künste)
trafen wir Bernd, der bereits auf der Gegenfahrbahn km 5 passierte. Ich fühlte
mich super! Vor mir mein persönlicher Pacemaker, gerade noch neben mir mein
Trainer – Herz was willst du mehr. Nun entledigte ich mich endlich von meinem
Pullover. Km 8-16 ging es durch den Englischen Garten. Kaum Zuschauer; das
gefiel mir gar nicht. Zwischen km 13 und 14 hieß es „Marathon meets Art“. Für
Kunstliebhaber präsentierte Ingo Bogatu seine Open Air Ausstellung. Seine
Kunstwerke waren auf 2,5 x 1 m großen Leinwänden rechts und links entlang der
Strecke platziert. Nach eigenen Worten wollte er sich damit „vor der Leistung
der Athleten verbeugen und gleichzeitig versuchen, Absicht und Hintergrund des
Ausdauersports zu vermitteln.“ Wirklich
eindrucksvoll, leider waren die Werke zu dicht gehängt, Kunstgenuss in Kürze.
Nach km 15 sollte der chinesische Turm (mit Biergarten für 7000 Personen) zu
sehen sein (hatten wir uns jedenfalls eingebildet.) Leider verpasst. Bei km 16 meldeten sich die ersten
Zweifelgedanken: Bei dem Profil `ne Bestzeit- eigentlich unmöglich! (Ja ja
Tilo, ich weiß. Für dich ne total glatte Strecke. Aber ich empfand sie nun mal
als extrem hügelig!) Ab km 17 wollten wir etwas beschleunigen. Ein
Horrorgedanke für mich, 9 sec schneller pro km laufen, wie soll das gehen? Bis km 21 lief es super- wir waren
knapp unter der geplanten Zeit. Mein Ischias-Nerv meldete sich, doch ich
versuchte diesen Schmerz mit Ignoranz zu strafen. Ich war bemüht mich mit der
Stadtkulisse zu beschäftigen – immerhin sollte es eine Sightseeing-Tour sein.
Bei km 29,5 (im Herzen von München – am Marienplatz) kommentierte „VanMan“
Jochen Heringhaus das Marathongeschehen und begrüßte mich mit Namen und Verein.
Er ergänzte: „Ja die Dresdner Durchläufer werdet ihr auch am kommenden Sonntag beim
Dresden-Marathon treffen.“ (Geniale Werbung für uns!) Ich war begeistert! Kurz
danach feuerten uns Alice und Katja an. Und häääää – ich war irritiert, da
stand auch Bernd! Mir schoss es in den Kopf: ‚Wie langsam läufst du
eigentlich?! Bernd schon im Ziel und wieder hier am Streckenrand?‘ Doch ich
wurde aus meinen Gedanken gerissen, bei km 31 hörte ich erneut meinen Namen vom
Streckensprecher. Wie geil, Gänsehautfeeling! Er rief mir nach: „ Wir sehen uns
nächste Woche an der Carolabrücke.“ Na der hat ’ne Ahnung. Bin doch kein
Extremsportler. Km 31 — wir passierten erneut den Marienplatz und
werfen einen kurzen Blick aufs Rathaus mit dem bekannten Glockenspiel. Bei km 33 erklärte mir Tilo: „Jetzt weißt du
warum die langen Läufe im Training gut waren, ab jetzt beginnt der Kampf.“ Na
toll, ist ja die blanke Motivation!! Ich fühlte gleich mal in meinen Körper
rein. Ohje, was tat eigentlich nicht weh? Hatte zwischenzeitlich auch einen
kleinen Abstand zu Tilo. Er ließ sich nach km 35 zurückfallen und meldete: „Es
sieht noch gut aus, wir haben nur geringfügig Zeit verloren.“ Schei.... so was
ist ja echt demotivierend. Ich erinnerte mich an km 16. Hatte also recht, bei
dem Profil ist keine Bestzeit zu schaffen. Ich überlegte, welche Zeit für mich
akzeptabel sein könnte. (Immer diese Gedankenspiele! Das macht mich ganz irre.
Treibt meine Motivation nach unten. Ich soll doch nicht denken, sondern laufen!
Ob ich das noch mal begreife???) Da kam das Schild km 36 und mit ihm die
Kopfschmerzen. Das war neu. Kopfschmerzen hatte ich noch nie bei einem
Wettkampf. ‚Kein Wunder‘ erklärte ich
mir selbst, ‚wer die ganze Zeit nur Negativgedanken bewältigt, muss ja
Kopfschmerzen bekommen. Also Andrea reiß dich zusammen. Denk an den Zieleinlauf
im Olympiastadion!‘ Doch zu spät, der Abstand zu Tilo wurde größer und
größer. Und meine Gedanken rechneten
schon eine bescheidene Zeit aus. Demotivation und Schmerz ließen keine
Beschleunigung zu. Bei km 38 der erste Bierstand – ich
konnte wiederstehen. Km 39 – der zweite Bierstand, ich hatte innerlich
aufgegeben, also was soll‘s: ‚Wenn’s schon mit ‚ner ordentlichen Zeit nicht
klappt, dann wenigstens ein kühler Biergenuss. Km 40 – ich wollte nur eins – aufhören
mit laufen! Redete mir vergeblich ein: ‚ Je schneller du läufst, je eher bist
du im Ziel. Die letzten 2 km waren die Hölle,
meine Gedanken machten sich ihren Spaß daraus: ‚So ne Quälerei, nie wieder!
Totaler Schwachsinn diese Lauferei. Alles tut weh – wozu?‘ Kurz
vor dem Stadion wartete Tilo bei Alice, Katja und Bernd. Sie feuerten mich an,
doch bei mir ging nichts mehr. Dann endlich der Stadioneinlauf. Im Marathontor
schrie ich mir den ganzen Frust von der Seele; dann rein ins Stadion – eine
Wahnsinnsatmosphäre! Ich sog sie in mich auf und genoss jede Sekunde in vollen
Zügen.
Endlich
Zieleinlauf: 3:50:43 – neue persönliche Bestzeit!!
Doch
ich war einfach nur fertig. Aber allein dafür, in dieses Stadion mit absolut
irrer Stimmung einzulaufen und auf diesem „heiligen Rasen“ (wie Tilo mir
erklärte) liegen zu können, hat es sich gelohnt!!!! Und in dieser ganzen Menge
glücklicher Zieleinläufer trafen wir erneut Peter und Sabine. Sie gratulierten
mir. Ich war echt irritiert! Immerhin hatte ich meine Wunschzielzeit nicht
geschafft – hatte aber eben auch noch nicht realisiert, dass ich persönliche
Bestzeit gelaufen war. Nur
schwer konnte ich mich vom Stadionfeeling lösen. Auf dem Weg zur Dusche trafen
wir auf Alice, Katja und Bernd, die uns gratulierten. Naja, so`n Klaps vom
Trainer auf den schmerzenden Körper und sein Glückwunsch zur neuen Bestzeit ist
doch wie eine Magnesiuminfusion. Es ging zum Duschen in die
Olympiaschwimmhalle. Danach war alle Frustration vergessen. Abends
noch ein Telefonat mit Petra. Sie lief vor einer Woche den Köln-Marathon, weiß
wie „sich quälen“ anfühlt und ist gerade schwer erkältet, aber sie plant schon
den nächsten Halbmarathon. Echt hart – eben die totale Kämpfernatur. Na also,
da kommen auch bei mir die Gedanken an den nächsten Wettkampf. Danke Petra – du
hast mich in die Läufergemeischaft zurückgeholt.
Auswertung:
Ich war gut vorbereitet. Tilo hat sein Bestes gegeben. Doch das Rennen wurde
von meinem Kopf gesteuert.
Also neben dem Lauftraining brauche ich unbedingt ein ausgeklügeltes
Mentaltraining.
Da haben wir`s also schon wieder: NICHT
DENKEN – LAUFEN!!
Ein besonderer Dank an dieser Stelle für meinen
lieben Tilo. Er hat’s nicht immer leicht mit mir, gibt aber trotzdem nie die
Hoffnung auf. DANKE!
|