33. GutsMuths - Rennsteiglauf 2005 |
|||||||||||||||||||
| Datum: | 21. Mai 2005 | Strecke: | 73 km | ||||||||||||||||
| Ort: | Thüringer Wald | weitere Strecken: | Marathon, Halbmarathon | ||||||||||||||||
| Internetadresse: | - | ||||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||||
Ein Bericht von Tilo Heschel |
|||||||||||||||||||
Der Ultra - Marathon
Bei der langfristigen Planung des Laufjahres stieß ich wieder auf „Ihn“, den weltberühmten, sagenumwobenen, legendären RENNSTEIGLAUF.Das wäre mal was, aber ist das nicht ein bisschen lang (73km) und hoch (1490Hm) und wieder runter (989Hm). Klingt grausam und nach quälen. Aber endlich sagen zu können, den hab ich auch gemacht, ist auch nicht so schlecht und quälen kann ich mich. Nach eingehenden Gesprächen mit Läufern welche an dem Lauf schon teilgenommen hatten, belesen über Trainingsmethodik für Ultraläufe usw. stand fest, ich melde für den Supermarathon. Eigentlich schon unmittelbar nach dem Florenzmarathon in November letzten Jahres begann die langfristige Vorbereitung auf dieses Ereignis. Ich stellte das Training ein bisschen auf lange Läufe um, zu Ungunsten der schnellen Intervalle (das sind die, die weh tun und die keiner gerne macht) und suchte mir in der Vorbereitung auch ein paar passende Wettkämpfe raus. So zum Beispiel die beiden Duathlons „Zur blauen Blume“ und die „100 km rund um Dresden“. Auch den Wilischlauf und den Ehrenberger Langstreckencross absolvierte ich erfolgreich. Mit rund 1000 Trainingskilometern und 9 Läufen länger als 3 h fühlte ich mich sehr gut vorbereitet. Genau eine Woche vor dem Start wanderte ich mit 2 Erfurter Kollegen und den Familien durch die Sächsische Schweiz, als der Rettungshubschrauber in der Nähe einen Verletzten suchte. Wir sahen ihn 100 m weiter liegen (junger Mann mit Kreislaufproblemen) und kümmerten uns um ihn, sowie die Einweisung des Hubschraubers. Marco der Rettungsassi unter uns half dem Bodenpersonal der Bergwacht bei der Versorgung des Patienten und Thomas und ich wiesen den Hubschrauber ein, sperrten die Schrammsteinpromenade und unterstützten den an der Longline hängenden Rettungstrupp. Aufgrund der schlechten Wetterbedingungen (starker Wind, Regen, mehrmaliges Anfliegen) dauerte die ganze Aktion etwas mehr als 1,5 Stunden. Da ich dem frierenden Verunfallten meinen Fleecepulli gesponsert hatte, stand ich die ganze Zeit kurzärmlig unter dem Heli und genau das war dann wohl doch zu viel des Guten. 6 Tage vor dem schwersten Rennen meiner Kariere erkältete ich mich ziemlich stark. Das gibt’s doch gar nicht. Ich beschloss noch nicht aufzugeben und legte eine absolute Laufpause ein. Dazu die geballte Ladung: mehrmals täglich inhalieren, Nasenspray, Naturmittel zum Schleimlösen in den Nasennebenhöhlen, Lutschtabletten usw. Dazu täglich Fieber messen, den Ruhepuls kontrollieren und in den Körper hineinhören. Ich wusste nur zu gut, dass ich bei Gliederschmerzen, Fieber und erhöhtem Puls, also einer richtigen Grippe, auf den Start verzichten musste, da das gesundheitliche Risiko einfach unverantwortlich groß gewesen wäre. Aber nichts der gleichen geschah und der Schnupfen wurde von Tag zu Tag schwächer. Einen Tag vor dem Start entschied ich, dass ich laufen kann, was blieb war einfach ein gewisses mulmiges Gefühl ob das so gut geht. Die Fahrt nach Eisenach war beim Laufsportladen gebucht und auf der Fahrt am Freitag war noch einmal genug Zeit zum Fachsimpeln. Die Strecke läuft man vor allem im Kopf, geh bloß nicht zu schnell an, die Berge unbedingt gehen, dass waren so die gängigsten Sprüche welche ich zu hören bekam. Aber wie schnell ist denn nun langsam genug?? Ich beschloss mir eine Zeit um die 7h 30min vorzunehmen, bei Vergleichen mit anderen Sportler und meinen momentanen Laufleistungen schien mir das realistisch (wenn nur dieser blöde Schnupfen nicht gewesen wäre). Unsere Unterkunft war in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes, wo sich auch Startnummernausgabe und der Start befanden. Bei der Kloßparty am Abend (sehr lecker mit Gulasch und Rotkohl!!) beeindruckten mich die verschiedensten T-Shirts der anderen Teilnehmer. Die 78km von Davos schien jeder 3. absolviert zu haben, aber auch der Hunderter von Biel und diverse 24 h- Läufe waren eher die Regel als die Ausnahme. Und erst die älteren Semester: „zum 26. Mal dabei- und immer die lange Strecke“, ich kam mir vor wie ein Laufanfänger. Aber ab morgen gehöre ich auch zu den „Ultras“. - - - 04:30 Uhr klingelt der Wecker, es regnet. Beim Frühstück hört es schon auf, Sachen packen und ab zum Start. Punkt 06:00 Uhr geht es los, ich reihe mich weit hinten ein. Bloß nicht zu schnell, außerdem ist überholen viel schöner als überholt zu werden. Am ersten Berg noch in Eisenach das erste Mal gehen. Ich fühle mich total fit und vom Tempo unterfordert, zwinge mich aber ebenfalls dazu. So geht es immer weiter bis km 25 der Inselsberg. Fast ständig bergauf, ich habe bestimmt schon 10 Gehpassagen absolviert und mir vorgenommen ab dem Inselsberg ein bisschen Gas zu geben falls es mir gut geht. Es geht mir gut und nach der Verpflegungsstelle erhöhe ich leicht das Tempo. Für die ersten 25 km habe ich 2:50 h gebraucht, hänge meinem geplanten Schnitt also etwas hinterher. Aber es sind ja auch schon rund 1000 Hm absolviert und alle reden davon, dass das Rennen sowieso erst ab dem Grenzadler (km 54) richtig beginnt.
Nach 4:55 erreiche ich die Neuhöfer Wiesen (km 45) und spüre langsam meine Muskeln. Doch nach der Marathondistanz und den Höhenmetern ist das ja irgendwie normal und kein Anlass zur Sorge. Auf den nächsten 5 Kilometern kommt aber noch etwas anderes dazu. Ich habe das Gefühl nicht mehr richtig Luft zu kriegen und es drückt komisch in der Magengegend. Ist das nun das Essen, der zu eng eingestellte Brustgurt oder doch die noch nicht auskurierte Erkältung? Die Zweifel nagen in mir und lassen plötzlich den Schritt immer schwerer werden. Bei einem Puls von 105 bekomme ich Seitenstechen und einen Wadenkrampf und muss auf gerader Strecke eine Gehpause mit Dehnübungen einlegen. Meine geplante Zeit löst sich ganz schnell in Schall und Rauch auf und da das mit der Atmung nicht wirklich besser wird beschließe ich nur noch erfolgreich ankommen zu wollen. Ab Kilometer 60 geht eigentlich gar nichts mehr, die Gehpausen kommen immer öfter und werden immer länger. Kämpfe mich von Verpflegungspunkt zu Verpflegungspunkt. Die 5 km Markierungen werden endlos lang. Ich brauche mittlerweile gut 8min pro km. Ich werde von 2 Frauen aus Schwerin überholt, ca. 50 Jahre alt, nicht gerade schlank, locker trabend, schwatzend und kichernd joggen sie an mir vorbei. Das ist der Hammer, warum trainiere ich überhaupt, warum laufe ich überhaupt. Die letzten 3 km raffe ich mich noch einmal auf und beschleunige auf 6min pro km. Im Ziel ist die Freude es geschafft zu haben groß, allerdings nur innerlich. Ich kippe auf der erstbesten Wiese aus den Latschen und will überhaupt nicht mehr aufstehen. 8 Stunden und 21 Minuten habe ich für die Strecke gebraucht. Ich hole meine Sachen von der Gepäckwiese und rufe meinen Freund Ralf an. Der ist schon seit über einer Stunde im Ziel (7 h 12 min) und sitzt gerade im Festzelt und isst seine Suppe. Also schleppe ich mich allein unter die Dusche. Beim Anziehen bietet mir ein ca. 70 Jähriger seinen Sitzplatz an und hofft, dass er keinen Arzt holen muss. Er erzählt mir, dass er nächste Woche einen „Hunderter“ in Jena veranstaltet und wünscht mir zum Schluss alles Gute. Ich rufe meine zwei Erfurter Freunde an, die sind beim Marathon gestartet. Sie sitzen irgendwo auf der Festwiese, dorthin schleppe ich mich. Den beiden ist es auf der Strecke so ähnlich wie mir gegangen, aber den Pfannkuchen welchen die sorgende Frau von Thomas gerade besorgt hatte reichen sie dann doch einstimmig an mich weiter, ich habe ihn am nötigsten. Danke liebe Conny!! - - - So langsam geht es mir nicht mehr ganz so schlecht und ich hole mir auch noch mein Finisher-T-Shirt. Das habe ich mir schließlich hart verdient. Nachdem ich noch schnell bei Bernd am Adidas-Stand Trost gesucht und gefunden habe, müssen wir noch 2,5 km aus dem Ort herauslaufen um zu unserem Bus zu kommen. Auf der Heimfahrt erwecken meine Lebensgeister und ich bin doch stolz auf meine Leistung. Es ist ja nun nicht so, das ich letzter geworden wäre(Platz 714 von 1800, 114 in der AK M 35). Auf der Freiberger Str. angekommen holt mich die Familie ab und zu Hause bekomme ich nach dem Abendbrot noch eine Massage. Herrlich! Einen Tag später ruft mich Ralf Biesold an, gratuliert mir und berichtet mir von seinem Traum da auch einmal mitzumachen. Wenn ich so drüber nachdenke, könnte ich Ihn eigentlich als „alter Hase“ begleiten und dabei gleich meine Zeit pulverisieren!? P.S. Wer die Idee hatte es auch einmal zu versuchen und jetzt ein bisschen abgeschreckt wurde, dem sei der Bericht von Erstläuferin Sylke Fötzsch aus Dresden auf der Seite der Dresdner Trolle empfohlen (www.dresdner-trolle.de) !! So geht es auch beim ersten Mal. Oder man liest den Bericht von Stefan! |
|||||||||||||||||||